Alexander Ehrlich lehrt Wienern das Gruseln. - © Sabine Karrer
Alexander Ehrlich lehrt Wienern das Gruseln. - © Sabine Karrer

Wien. "Der erste Vampir war ein Wiener." Historisch kann das zwar nicht stimmen, doch eine uralte Legende beharrt darauf. Demnach wurde der Onkel- und Königsmörder Leopold im "Teufelsjahr" 1313 für seine Taten zur Rechenschaft gezogen. "Den hat der Teufel geholt", waren die Wiener überzeugt. Und dieser habe ihn zum "Erzvampir" gemacht, von dem alle anderen Vampire abstammen. Irgendwie musste man sich sein mysteriöses Verschwinden erklären.

Fast sieben Jahrhunderte später stehen einige Erwachsenen und Kindern an jenem Ort auf der Freyung. Fasziniert lauschen sie Alexander Ehrlich bei seiner Gedankenreise ins Wien des 14. Jahrhunderts. "Ihr kommt, um euch zu gruseln?", hat der Fremdenführer seine Teilnehmer 30 Minuten zuvor begrüßt. Statt durch Special Effects überzeugt er durch Erzählungen. Und räumt gleich mit einem Vorurteil auf: "Nein, Vampire trinken kein Blut." Mit diesen Geschöpfen der menschlichen Fantasie kennt er sich aus, auch wenn er ursprünglich aus der Zoologie kommt: "Aber weil mich die Leute immer wieder nach Vampiren gefragt haben, ist mir klar geworden, dass es hier Bedarf gibt."

Mit Alkohol den Teufel an die Wand malen


So hat es auch das bunt zusammengewürfelte Grüppchen hierher verschlagen: zwischen herumeilende Touristen, gut gekleidete Damen mit Schoßhündchen in ebenso teuren Mäntelchen, gut frisierte Herren und fröhliche Junge und Alte, die am Bauernmarkt Vitaminreiches kaufen oder die "veritas" im "vino" suchen. Beinahe ist man versucht, die Häuserreihen vor dem inneren Auge schwarz-weiß einzufärben und die Damen, Herren und Kinder in wallende Gewänder, ärmliche Bauernkluft sowie die Hündchen in verfilzte Straßenköter-Felle zu stecken. Und sich jene trinkfreudigen Männer vorzustellen, die ebenfalls einige Jahrhunderte zuvor im örtlichen Gasthaus den Teufel an die Wand gemalt haben. Genauer gesagt: Der Künstler hat ihn an die Wand gemalt und der Lehrer Dr. Faustus ihn mit ein paar gesprochenen Formeln lebendig werden lassen. "Wie viel Alkohol war dabei im Spiel?", lacht eine Teilnehmerin. "Naja, die Männer waren unter sich, das Bier wird geflossen sein und einer wollte den anderen übertrumpfen - man kann es nur vermuten", schmunzelt Ehrlich.

Versehentlich lebendig begraben


Weniger Vermutungen, als vielmehr die Wissenschaft erklärt den einstigen Geisterglauben der Wiener. Bevor die Friedhöfe an den Stadtrand verlegt worden waren, habe man auch mitten in der Stadt leise Hilferufe von versehentlich lebendig Begrabenen gehört - "und sich, anstatt sie zu retten, eben bekreuzigt und fortan an Geister geglaubt", klärt der Fremdenführer auf. "Man schätzt, dass im 18. Jahrhundert einer von 20 Menschen lebend begraben wurde." Einen solchen Toten fanden Forscher etwa in der Minoritengruft: einen Leichnam, der mit dem Kopf nach unten und gekreuzten Armen im Sarg lag. Er hatte wohl noch versucht, mit dem Rücken den Sargdeckel aufzustoßen. Gänsehaut bei Ehrlichs Zuhörern. "Sollten Sie übrigens einem Geist begegnen, fragen Sie ihn, warum er noch hier ist", rät der mit einem Grinsen im Gesicht. "Angeblich verschwinden sie zwar, wenn man sie mit Namen anspricht, aber sie irren ja aus bestimmten Gründen zwischen den Welten herum."