Wien. Aufmerksamen Nachtschwärmern ist es wahrscheinlich schon aufgefallen. In der Wiener Fortgehszene breitet sich eine neue Sprache aus. Immer öfter stößt man hier auf Menschen, die Spanisch sprechen. Die Welle an Spaniern kommt aber nicht wegen des Partylebens der Bundeshauptstadt nach Österreich. Es ist die Wirtschaftskrise und die damit verbundene grassierende Arbeitslosigkeit in der Heimat, die vor allem junge, gebildete Spanier ins Ausland drängt. Dass dabei immer mehr nach Österreich kommen, ist neu.

Nie gedacht hätte sich Stella Munoz, dass sie einmal als Kellnerin in Wien landet. - © Vasari
Nie gedacht hätte sich Stella Munoz, dass sie einmal als Kellnerin in Wien landet. - © Vasari

Dabei hat man schon einmal versucht, Spanier als Arbeitskräfte anzuwerben. Das erste Anwerbeabkommen für sogenannte Gastarbeiter schloss Österreich nicht mit der Türkei oder Jugoslawien ab, sondern eben mit Spanien. Das war im Jahr 1962. Spanische Arbeitskräfte konnte man damit aber keine anlocken, vor allem weil das damalige Lohnniveau in Österreich den Spaniern zu niedrig war. Mehr als 50 Jahre danach kommen sie nun doch nach Österreich, um eine Arbeit zu finden. Nach Angaben des spanischen Konsulats in Wien leben mittlerweile knapp 4400 Spanier in Österreich. In der spanischen Community geht man davon aus, dass es weitaus mehr sind. Angeworben werden sie aber nicht. Es sind die Spanier selbst, die von der EU-weit niedrigsten Arbeitslosenquote Österreichs hören und hier ihr Glück versuchen. Viele kommen auch durch Zufall nach Österreich.

Job durch Agentur

Seinen Traum erfüllt hat sich Ignacio Vicente mit einer spanischen Vinothek im 1. Bezirk. - © Puiu
Seinen Traum erfüllt hat sich Ignacio Vicente mit einer spanischen Vinothek im 1. Bezirk. - © Puiu

So wie Stella Munoz (33), die vor einem Jahr in Spanien ihren Job als Sportreporterin verlor und nun als Kellnerin in Wien arbeitet. Nach ihrer Kündigung war ihr sofort klar, dass sie in Spanien aufgrund der Wirtschaftskrise keinen - ihrer Ausbildung entsprechenden - Beruf mehr finden würde. Sie beschloss daher, das Land zu verlassen. "Bevor ich einen schlechten Job in Spanien annehme, nehme ich einen schlechten Job im Ausland an und lerne dabei wenigstens eine neue Sprache", sagte sie sich. Munoz wandte sich mit einem Freund, der ebenfalls arbeitslos geworden war, an eine Agentur, die für 700 Euro Jobs im Ausland vermittelt. Munoz wollte eigentlich, so wie viele Spanier, nach England. Doch dann bekam sie ein Angebot für die Stelle als Kellnerin in Wien. Man müsse nicht einmal Deutsch können, sondern es reiche, wenn man Englisch spricht, hieß es. Bei einem Online-Faktencheck über Österreich stach ihr die niedrige Arbeitslosenquote ins Auge. Daraufhin nahm sie das Angebot an. "Ich hätte nie im Traum daran gedacht, als Kellnerin zu arbeiten, noch dazu in Österreich", sagt Stella Munoz heute.

Es sei ein harter Job. Nach jedem Arbeitstag würde sie müde ins Bett fallen. Hinzu komme das Deutschlernen, eine echt schwierige Sprache, wie die Spanierin betont. Trotzdem sei es eine richtige Entscheidung gewesen, nach Wien zu gehen. Die Lebensqualität in der Stadt sei hervorragend, die vielen sonnelosen Tage machen ihr nichts aus.

Wiens Marktlücke

Auch Ignacio Garcia Vicente (28) hat seine spanische Heimat verlassen, um nach Wien zu kommen. In Spanien absolvierte er eine Hotelfachschule und arbeitete danach im Tourismusbereich, zuletzt als Restaurantleiter in einem Fünfsternehotel in Cordoba. Doch obwohl er einen Job hatte, ging die Wirtschaftskrise auch an ihm nicht spurlos vorüber. Sein Gehalt wurde immer wieder gekürzt und er musste auch an Feiertagen und Wochenenden arbeiten. Vicente fühlte sich bald ausgebeutet und leer. Auch weil Arbeitgeber in der spanischen Tourismusbranche derzeit auf dem längeren Ast sitzen. "Wenn du da nicht mitmachst, dann gibt es schnell jemand anderen, der nur darauf wartet, deinen Job zu bekommen", sagt Vicente. Das würden die Hotels ausnützen und sich dabei eine goldene Nase verdienen, ärgert er sich. Denn obwohl der Touristenstrom in den vergangenen Jahren nicht abriss, würden die Hotels ihren Bediensteten immer weniger zahlen.

"Ich war sehr unglücklich mit dieser Situation und wollte etwas anderes machen." Im Sommer 2011 besuchte er daraufhin eine alte Freundin, die mittlerweile in Wien wohnte. Es war sein erster Besuch in der Stadt und er fühlte sich von Anfang an wohl. Bald fiel ihm auf, dass es in Wien so gut wie keine spanische Gastronomie, keine spanischen Weine und "Ibericos" (iberische Spezialitäten) gibt. Vicente beschloss, zu bleiben und sein eigenes Geschäft zu eröffnen. Seit knapp einem Jahr betreibt er nun die spanische Vinothek "Ignacio" in der Salztorgasse im 1. Bezirk. Auf 60 Quadratmetern bietet er mehr als ein Dutzend spanische Weine an. Dazu gibt es Tapas. Die Geschäftsidee ging auf, mittlerweile kann er sich zwei Angestellte leisten.

Zurück in der Realität

Die Jobausschreibungen für die beiden Angestellten holten ihn wieder in die spanische Realität zurück. Die Ausschreibung hatte sich über soziale Medien bis nach Spanien herumgesprochen. "Es kamen unwahrscheinlich viele Bewerbungen. Das ist sehr traurig, weil es zeigt, dass die Lage in Spanien noch immer schlecht ist." Vor allem unter den Jungen sei die Arbeitslosigkeit explodiert, und das, obwohl viele davon eine tolle Ausbildung haben. "In Spanien hat sich in den vergangenen Jahren alles auf Tourismus und Immobilien konzentriert. Dadurch haben wir viel Industrie und somit Wettbewerbsfähigkeit verloren. Es gab keine Investition in Forschung und Entwicklung." Dann sei die Immobilienblase gekommen und das Land versank in Arbeitslosigkeit.