In einem Esoterikgeschäft im 9. Bezirk findet sich inmitten von heilsversprechenden Anhängern, Räucherwerk und Yoga-Polstern auch ein Regal mit Ritualgegenständen und Literatur über alle möglichen Ausprägungen von Magie, Zauberei und Hexerei: Werke über Okkultismus und weiße Magie, Heftchen, die bei der Anwendung von Liebeszauber helfen sollen, Ritualkerzen, ein Zauberstab, ein Totenkopf, Notizbücher mit Pentagramm-Aufdruck und vieles mehr. Zwar gibt der Herr hinter dem Verkaufspult freundlich Auskunft, aber über an Hexerei interessierte Kunden kann oder will er nicht allzu viele Worte verlieren. Natürlich kämen mehr Frauen als Männer, aber das sei im Esoterik-Bereich ohnehin so, sagt er. Allerdings verweist er auf ein Regal mit Zeitschriften und Visitenkarten. Hier könne man sicher den einen oder anderen Kontakt finden. Tatsächlich: Eine Dame wirbt mit dem Zusatz "Hexe" um Kunden. Darunter: wieder eine 0900-Nummer, wieder ein Reinfall.

"Das ist eine Gabe"

Dann meldet sich Lisa. Eigentlich nennt sie sich "Powerenergetikerin", was weniger mit Esoterik zu tun habe als vielmehr mit Einfühlungsvermögen, Energie und Schwingungen. "Ich bin wahrscheinlich die unesoterischste Energetikerin", lacht Lisa und legt Hilfesuchenden immer auch den Gang zum Arzt nahe. Die Aussage "Du bist eine lustige Hexe" findet die junge Frau nicht weiter schlimm, sofern damit "weiße Magie" gemeint ist. Von "schwarzer Magie" wie Okkultismus und Verwünschungen hält Lisa nichts. Lieber setzt sie darauf, Energie spüren und verändern zu können, auf die Stärkung von Selbstbewusstsein und das Lösen von krankmachenden Mustern.

Eine Gabe, die bei ihr in der Familie liege, erzählt sie. Ihre Großmutter habe bereits während des Zweiten Weltkriegs Homöopathie angewandt - damals noch unter dem Begriff Kräuterheilkunde. Wichtig ist Lisa, dass ihre Klienten für ihr Leben lernen und eingefahrene negative Muster ins Positive verändern. Wenn sie damit helfen könne, dann auch gerne als Hexe: "Schließlich war das früher die Bezeichnung für eine kräuterkundige, weise Frau mit heilerischen Fähigkeiten."

Generell scheint in den vergangenen Jahren das Interesse an Magie zuzunehmen. An Ritualen rund um die sogenannten Raunächte - die als besonders mystisch geltenden Tage zwischen Weihnachten und Dreikönig - nehmen längst nicht mehr nur Klischee-Esoteriker teil. Und der Begriff "Kräuterhexe" gilt spätestens seit Beginn der großen Bio- und "Zurück zur Natur"-Welle eher als Auszeichnung. Und solange jemand nur einen "Kraftplatz" pflegt und die Stadtentwicklung nicht mit Flüchen und Verwünschungen durcheinander bringt, scheint die Ordnung in Wien nicht gefährdet zu sein.