Wien. Ein schwerer dunkler Vorhang hängt vor dem Garageneingang in der Thelemangasse 4 in Hernals. Es ist kurz vor halb sechs Uhr abends, die Straßenbeleuchtung strahlt grell, ein Mann lehnt rauchend an der Wand. Hier, wo sich die österreichische Geschichte in einem Haus verschränkt wie eingemauerte Ziegel einer Wand, liegt das Künstlerkollektiv "mo.ë" versteckt. Wie ein wohlgehütetes Geheimnis. "Du bist schon richtig, einfach durch den Vorhang", deutet er und bläst Rauch durch die Nasenlöcher.

Dann wird alles weiß, hinter dem Vorhang. Die frisch gestrichenen Wände, der Grundton der aufgehängten Bilder, sogar manche Gesichter. Denn es ist kalt. 15 Besucher sitzen auf Sofas im Kreis um die Künstlerin Veronika Dirnhofer, daneben zwei mobile Radiatoren. Heutiger Programmpunkt: ein Künstlergespräch.

Es ist der Ausstellungsbereich des "mo.ë", das sich auf der Homepage selbst so beschreibt: "Ein 800 m² umfassendes Mietprojekt zur Sichtbarmachung von Kunst." Was das bedeutet, wird sichtbar, wenn man durch das "mo.ë" geht. Riesige Bilder hängen an den Wänden des kleinen Raumes, in dem die Gruppe sitzt, bevor es rechts in die große Halle der ehemaligen Stahlfabrik geht, in der normalerweise Konzerte oder Theaterstücke stattfinden, heute aber nur ein verstaubter Flügel neben einem alten Lampenschirm, Kabeln, Büchern, Schildern und Stühlen in der Ecke steht. Drei Tage vorher wurde hier noch gefeiert. Selbständiger DJ, stickige Luft, gute Stimmung, Lichterketten um das Pult. Postmoderner Electro trifft Postweihnachten. Typisch "mo.ë": irgendwie schräg.

Die Elster mag alles


"Veronika, wie sind deine Bilder zu beschreiben?", fragt Christian Bazant-Hegemark, einer der Leiter des Kollektivs, der früher Programmierer war und jetzt malt. Fast jeder im Raum kommentiert mit komplizierten Begriffskonstrukten abstrakter Verinnerlichung. Dabei geht es im "mo.ë" gar nicht um pseudo-intellektuelles Geschwafel, sondern um einen freien Ort der Diskussion, wenn man so will, des Anstoßes. Das "mo.ë" ist Kunstraum und Experiment zugleich. Es ist das, was Österreich fehlt. Das New York der 1970er Jahre und Berlin vor 15 Jahren. Es gibt da einen Spruch: Geht die Welt unter, passiert es in Wien zehn Jahre später.

Nein, halt, wir müssen früher in der Geschichte des "mo.ë" einsteigen. Im Jahr 1888, als Mary Vetsera zum ersten Mal auf Kronprinz Rudolf traf und Hernals bereits offiziell ein Wiener Bezirk war. Im selben Jahr eröffnete ein gewisser Bernhard Mandelbaum die "k. u. k. Orden und Medaillenfabrik" in der Thelemangasse 4. Ein Jude im Dienst des Kaisers. Das Geschäft lief gut, bis 1938 die braune Suppe von Deutschland herüberschwappte.

Arisierung der Fabrik, Emigration in die USA, Rückkehr, Restitution. Die Mandelbaums änderten im Exil ihren Namen auf Morton und verkauften die Fabrik schließlich in den 1950ern. Bis in die 1990er wurden in der großen Halle, in der jetzt der Flügel steht, noch Gürtelschnallen für das Bundesheer hergestellt. Bis die Fabrik pleiteging.

New York, 2009. Hannah Menne, die Gründerin von "mo.ë", war in der Hauptstadt der Kunst. Laut, bunt, kreativ. "Da gab es an jeder Ecke in Brooklyn Projekte in Lagerhallen, Kunst in Prekariatsräumen. Und dann kam ich zurück nach Wien." Pure Enttäuschung. Der alte Kaiser hätte jeden Moment mit der Kutsche um die Ecke biegen können, nur dass jetzt Touristen herumtingelten, irgendwo zwischen Stephansdom und den Nachtklubtänzerinnen aus Osteuropa.

Menne, mit Rotkäppchencape und kurzem Pony, hält ihren acht Monate alten Sohn auf dem Arm. "Ich musste was verändern. Und dann war da diese leerstehende Fabrik." 40 Tonnen Müll, ein halbes Jahr Arbeit. Die Geburtsstunde des "mo.ë" im Mai 2010. "Und nein, der Name steht nicht für Menstruation ohne Ende." Sondern: "mo.ë" steht für "Ministry of Elster" (Ministerium der Elster). "Die mag nämlich alles, was glänzt, egal ob teuer oder nicht. Auch Alufolie kann wertvoll sein. Gerade an diesem Ort sollte man das wissen." Menne macht das "mo.ë" zum Politikum. "Es ist ein Ort der Kunst, aber auch der Erinnerung." Und was ist Kunst, wenn nicht Vermittlung? Zwischen Menschen, Ideen, Prozessen und Medien. Das ist es, was das "mo.ë" ausmacht.

Eine Mischung aus Videokunst, Malerei, Theater, Improvisationsmusik, Performance, aber eigentlich ist alles möglich. Zehn Künstler haben hier ihr ständiges Atelier. Manche haben an der Akademie der Bildenden Künste studiert, andere haben "bürgerliche" Berufe, wie Matthias Gassner, der Schmerzforschung an der Medizinischen Universität Wien betreibt. Abends nimmt er den Pinsel in die Hand.

Nationale und internationale Künstler werden für einen Monat als Artists-in-Residence eingeladen. Und dann gibt es noch die große Halle, wo der "floëmarkt" stattfindet, der "Dschungel" Theater macht und das "mo.ë" politische Filme zeigt. Nächster Film: "Gastarbajter Celluloids". Manchmal geschieht auch alles gleichzeitig. Rechts in der Halle ein Videodreh, links eine Vernissage mit 150 Gästen. "In Österreich gibt es nichts Vergleichbares."

"Gibt es überhaupt Bilder?"


"Genau deshalb komme ich her", sagt die Künstlerin Dirnhofer in die kleine Runde. Tags zuvor hat sie noch in der Bildenden ausgestellt. "Das ist eben nicht die elitäre Secession, sondern ein ganz normaler Raum." Wo die Farbe von den Hallenwänden abblättert und man sich wie in einer übergroßen Studentenwohnung fühlt.

Die Künstlerin sieht zu ihrem weißen Bild an der Wand mit den unregelmäßigen Farbklecksen und Satzfragmenten. "Gibt es überhaupt Bilder?", fragt sie provokant. Alle sind still für einen Moment, die Radiatoren surren leise. "Ich verstehe mein Bild gerade nicht", sagt Dirnhofer. "Ihr vielleicht?" Vielleicht, aber auch das soll im "mo.ë" keine Rolle spielen. Was zählt, ist der Freiraum. Und der befindet sich in Wien, in der Thelemangasse 4, hinter einem dunklen Vorhang, der über etwas hängt, das aussieht wie eine Garageneinfahrt.