Wien. Ein Viertel aller Meldungen von freiheitsbeschränkenden Maßnahmen in Österreich betrifft die Gabe von sedierenden Medikamenten.

Oft geht es nur darum, die Patienten ruhigzustellen. - © Lechner
Oft geht es nur darum, die Patienten ruhigzustellen. - © Lechner

Wie häufig Mittel zur Ruhigstellung auf diese Weise in Institutionen eingesetzt werden, hängt meist von der Pflegephilosophie und den personellen Ressourcen ab. Oft werden diese aus strukturellen Gründen verabreicht; weil das Pflegepersonal überlastet ist, es an Wissen um Alternativen fehlt oder nicht die Zeit und die Bereitschaft da ist, andere Möglichkeiten auszutesten und nach individuellen Lösungen zu suchen.


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"Chemische Gewalt"

Besonders demente Menschen, die intensive Betreuung und Zuwendung brauchen, würden viel zu oft mit starken sedierenden Medikamenten ruhiggestellt, weil es an Betreuungspersonen und geriatrisch gut ausgebildeten Pflegekräften fehlt, klagen Kritiker vom Fach. In Deutschland etwa werden an die 240.000 Demenzkranke zu Unrecht mit Psychopharmaka behandelt. "Chemische Gewalt" nennt das Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen: "In diesen Fällen werden Medikamente nicht verschrieben, um die Leiden der Patienten zu mindern oder ihre Krankheiten wirksam zu behandeln, sondern um Personal einzusparen und den Heimbetreibern höhere Gewinne zu bescheren."

Ruhigstellen oder Therapie?

Sedierende Medikamente sind in Österreich nur dann freiheitsbeschränkend und bei der Bewohnervertretung zu melden, wenn sie in erster Linie verabreicht werden, um die zu Pflegenden ruhigzustellen und an der Bewegung zu hindern. Die Gabe solcher Medikamente aus primär therapeutischen Gründen gilt nicht als freiheitsbeschränkend, auch wenn dabei als Nebenwirkung die Mobilität eingeschränkt ist.

Nicht alle medikamentösen Freiheitsbeschränkungen werden bei der Bewohnervertretung gemeldet. Oft sind die Ärzte nicht bereit dazu. Manchmal wissen die in die Behandlung involvierten Personen aber schlichtweg nicht, dass eine medikamentöse Therapie eine Freiheitsbeschränkung laut Heimaufenthaltsgesetz sein kann.

Unerwünschte Wirkungen

Ärzten in Institutionen mangle es teilweise an alterspsychiatrischem Wissen über den fachgerechten Einsatz von Psychopharmaka und darüber, welche schwerwiegenden Folgen diese Mittel bei geriatrischen Patienten haben können, kritisieren Fachkollegen und Betreuungspersonen. Bei der Mehrzahl dementer Menschen richte die Gabe dieser Medikamente mehr Schaden als Nutzen an und berge Risiken, die bis zum Tod führen können.

Bei der Einnahme von mehreren Medikamenten gleichzeitig, genannt Polypharmazie, können zudem unabsehbare Neben- und Wechselwirkungen auftreten. Viele Mittel wirken bei alten Menschen stärker als bei jüngeren, weil ihr Körper anders darauf reagiert. Zudem erhalten geriatrische Patienten oft zu viele Medikamente oder nicht immer das richtige Mittel. Konsequenzen der Medikamentengabe werden oft nur bei der Verordnung mitbedacht, selten aber im Laufe der Zeit evaluiert.

Thema für Ausbildung

Ärzte, denen diese Probleme bewusst sind, plädieren dafür, das Thema Medikamente in der Geriatrie verstärkt in der medizinischen Aus- und Fortbildung zu verankern und in der Therapie zuerst an Alternativen und die speziellen Bedürfnisse des Patienten zu denken. Nicht immer müsse man gleich zum Medikament greifen.