Wien. "Die einzige klare Erinnerung, die mir Aufschluss über meine Gefühle für meine Eltern gibt, hängt mit dem großen Puppenhaus im Pfarrhaus zusammen. Ich durfte eine Weile damit spielen, und ich weiß noch, wie ich all die kleinen Puppen herausholte und sie in den Mülleimer warf. Nachdem sie jemand herausgeholt hatte, begann ich von neuem damit. Ich wurde dafür geschlagen, aber wie unter einem Zwang tat ich es immer wieder. Ich glaube, ich hielt alle Menschen für Müll. Ich wunderte mich über mich selbst, dass ich es immer wieder machte, obwohl es mir doch verboten war", reflektiert eine Holocaust-Überlebende in Anna Wexberg-Kubeschs aktuellem Buch "Vergiss nie, dass du ein jüdisches Kind bist. Der Kindertransport nach England 1938/39".

Autorin Anna Wexberg-Kubesch. - © privat
Autorin Anna Wexberg-Kubesch. - © privat

1,5 Millionen Kinder wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Rund 100.000 Kinder (sie waren zu Kriegsende 16 Jahre alt oder jünger) überlebten das NS-Regime. 10.000 dieser Kinder (aus Deutschland, aus Österreich, einige wenige stammten aus der damaligen Tschechoslowakei) wurden durch Kindertransporte nach Großbritannien vor dem Tod bewahrt.

Die Wiener Psychotherapeutin und Historikerin Wexberg-Kubesch will in ihrem Buch den Erfahrungen dieser Menschen, die sich, obwohl heute schon betagt, großteils immer noch als "die Kinder" bezeichnen, "Raum und eine Stimme geben". "Mir geht es darum zu verstehen: Wie ging und geht es den Kindern, welche die Shoah psychisch überlebt haben? Es geht um die spezielle Situation von Kindern, um deren Wahrnehmung der Welt, deren Ressourcen und kreative Möglichkeiten, mit unvorstellbaren Situationen einen Umgang zu finden. Es geht darum, das Vorurteil zu widerlegen, dass Kinder noch zu klein sind, um Leid und Todesangst zu empfinden, dass sie nichts mitbekommen und daher auch keinen Schaden nehmen können. Es geht darum, Kinder ernst zu nehmen", schreibt Wexberg-Kubesch, die selbst jüdisch ist, aber keinen Angehörigen hat, dem ein Kindertransport das Leben rettete.

Seit Jahren setzt sie sich besonders mit Child Survivors auseinander. "Beschämt" sei sie selbst gewesen, "wie alt ich werden musste, um diese Menschen - die ‚Kindertransport-Kinder‘ - bewusst wahrzunehmen", betont sie nun im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Das sei aber typisch im Umgang mit dieser Opfergruppe. Im Vordergrund standen immer die sechs Millionen Toten und danach die Überlebenden der Vernichtungslager. Selbst in der eigenen Wahrnehmung hätten es die "Kindertransport-Kinder" ja gut gehabt - sie haben überlebt, konnten zur Schule gehen, mussten keinen Hunger leiden. Allerdings hat das Gros dieser Kinder, die zwischen dem "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland im Frühjahr 1938 und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Herbst 1939 von ihren Eltern zu einem der Züge gebracht wurde, diese nie wiedergesehen.