Wien. (vasa) Die geplante Wiener Nordostumfahrung (S1), auch bekannt als Lobau-Autobahn, steht weiterhin in der Kritik von Umweltschützern. Das Projekt sei mangelhaft geplant, ungenügend gegen Erdbeben gesichert und - aufgrund des hohen Grundwasserspiegels - anfällig für Hochwasser, so die Hauptkritikpunkte. Die Vorwürfe richten sich dabei vor allem gegen den Straßenerrichter Asfinag.

Peter Weish, Humanökologe und Präsident des Forums Wissenschaft und Umwelt geht sogar noch einen Schritt weiter und stellt die Nachhaltigkeit der "Hochleistungsstraße" an sich infrage. "Wir stehen am Ende des Erdölzeitalters. Welchen Sinn macht es da, in solche Projekte zu investieren? Ich werde es noch erleben: Viele werden sich den Treibstoff nicht mehr leisten können", sagt der 77-Jährige. Stattdessen sollte man besser in feingliedrige öffentliche Verkehrsmittel, etwa im Weinviertel, investieren. Das würde den Pendlern mehr helfen.

Ministerin Bures

soll "Reißleine ziehen"

Wolfgang Rehm, Sprecher der Umweltorganisation Virus, forderte Infrastrukturministerin Doris Bures (SPÖ) gar auf, endgültig die "Reißleine zu ziehen: Das Projekt ist ordentlich ins Stolpern geraten", so Rehm. Das belege schon allein die lange Dauer des Verfahrens der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP). Dieses habe bereits vor fünf Jahren begonnen. Dass ein Ende der Prüfung vorerst nicht in Sicht ist, bestätigt man auch im Büro der Infrastrukturministerin. Man könne im Augenblick noch nicht sagen, wann das UVP-Verfahren abgeschlossen ist, heißt es. Die Sache sei hochkomplex.

Der Geologe und Grundwasserexperte Josef Lueger verweist auf die Probleme beim Grundwasserstand, der in Zukunft zur Überflutung des Lobau-Tunnels führen könnte. "In diesem Gebiet gibt es in den vergangenen Jahrzehnten einen anhaltenden Trend zur Anhebung des Grundwasserspiegels", so Lueger.

Im Zuge der Überprüfungen sei die Asfinag dann draufgekommen, dass die Autobahn bei Hochwasser nicht ausreichend geschützt sei und dann unter Wasser stehen würde, erklärt der Wissenschafter. In der Umweltverträglichkeitserklärung wurde dies von der Asfinag aber "schön gerechnet", sagt Lueger. Eine nachträgliche Grundwasserabsenkung, wie von der Asfinag in der UVP-Prüfung in Betracht gezogen, hält der Geologe zudem für "völlig unzulässig". Denn eine Absenkung könnte nicht nur Auswirkungen auf die Oberflächengewässer, sondern auch auf den gesamten umliegenden Nationalpark Donau-Auen haben.

Auch geologische Erkenntnisse seien in die Erklärung nicht eingeflossen, kritisiert Roman Lahodynsky, Geologe an der Universität für Bodenkultur. Er bezweifelt, dass die Autobahn und der geplante Tunnel ein Erdbeben aushalten würden. Der Tunnel würde zwar nicht zusammenbrechen. Im Falle eines starken Erdbebens rechnet er aber mit Sprüngen und Rissen in den Tunnelwannen, die auch zum Eintritt des Grundwassers und in Folge zur Überschwemmung führen könnten.

Straßenerrichter Asfinag weist Vorwürfe zurück

Vonseiten der Asfinag weist man jegliche Kritik zurück. Die S1 und vor allem der Lobau-Tunnel würden alle Anforderungen erfüllen, heißt es. Und weiter: "Sämtliche Planungen führen anerkannte Experten durch, die den hohen Qualitätsansprüchen der Asfinag gerecht werden." Das Projekt ziele auf besten Anrainer- und Umweltschutz ab und erfülle "selbstverständlich" alle Anforderungen in punkto Grundwasser-, Hochwasser- sowie Erdbebenschutz.

Doch laut Wolfgang Rehm kann von einer Top-Planungsqualität bei der Asfinag keine Rede sein. Das hätten bereits die 13 Gutachten gezeigt, die vonseiten der Plattform - bestehend aus Global 2000, Virus, dem Forum Wissenschaft und Umwelt und der Bürgerinitiative "Rettet die Lobau" - in die UVP eingebracht wurden. Diese würden das Gegenteil beweisen. Den Grund für die Ungenauigkeiten vermutet man auch im Personal. Die Initiative hat deshalb bereits Befangenheitsanträge gegen sechs Behördengutachter gestellt, erklärte Rehm. Die UVP bezieht sich unter anderem auf den knapp neun Kilometer langen S1-Südabschnitt, der zum Großteil aus dem unter der Lobau verlaufenden Tunnel bestehen wird. Mit dem Baubeginn rechnen Ministerium und Asfinag 2018. Im Jahr 2025 soll der Abschnitt befahrbar sein.