Wien. Manfred Schmids Mutterbegriff ist mechanistisch. "Festigkeit und die Qualität des Materials machen eine gute Mutter aus. Dann hält sie auch länger. Man kann auch eine gebrauchte Mutter nehmen, aber keine, die über dem Hookeschen Bereich der Streckgrenze angezogen worden ist." Der Mann sagt solche Sätze völlig ungenannt. Und das kurz vor dem Muttertag.

Der Chef einer Kfz-Firma führt durch sein Reich und präsentiert einen ganz besonderen Liebling. "Das ist eine feingewindete Mutter. Sie hat eine geringere Gewindesteigung und ist dadurch belastbarer als eine Mutter mit Grobgewinde." Der gestandene Mann in Arbeitslatzhose ist in seinem Element. Über jede Mutter kann er eine Expertise liefern. Bei Schrauben und Muttern macht dem TU-Absolventen im Fach Maschinenbau keiner etwas vor.

Mit der Haltung des Experten dreht er ein sechseckiges Metallstück zwischen Daumen und Zeigefinger. "Das ist eine Hutmutter. Sie hat einen halbkugelförmigen Aufsatz. Der dient einzig der Schönheit." Die Schönheit technischer Produkte hat es Schmid generell angetan. Er besitzt 200 designte Mercedes-Oldtimer, die er mit Liebe zum Detail wiederherstellt und verkauft. Die Hutmutter ist allerdings die ästhetische Ausnahme im Reich der Muttern. Bei der metallenen Mutter zählt fast ausschließlich die Devise "form follows function". Dabei sind sowohl Funktionen als auch Formen weit vielfältiger, als es sich der Laie vorstellt. Allein die Materialien: Stahl, Aluminium, Titan, Kupfer, Messing.

In einer Schublade mit dem Fassungsvermögen von sechs Muttertagstorten lagert Schmids Mutter-Deputat. Es hat dem Preisdiktat der Globalisierung widerstanden. "Das ist kein Klumpert aus China oder Indien, woher die meiste Ware heute kommt. Die Muttern von dort kann man gleich wegwerfen, die heißen nichts", erzählt er und präsentiert die Flügelmutter. "Die beiden Flügel dienen einzig dem leichteren Anziehen mit den Fingern." Im Korb daneben liegen quadratische Metallteile. "Solche Vierkantmuttern werden gerne in Gehäuseprofilen verwendet", weiß Schmid. Und dieses Stück mit dem Plastikbezug im Inneren? "Eine Stoppmutter, auch selbstsichernde Mutter genannt", weiß der Experte. Der Innenring aus Polyamid wird verformt, sobald die Schraube durchgeht. Dadurch hält die Mutter extrem gut." Eine Mutter darf eben nicht lösungsorientiert sein. Es geht darum, dass sie sich eben nicht ungewollt löst. Dazu dient auch das System der Kontermutter, dabei werden zwei Muttern gegeneinander verdreht.

Stoppmutter, Kontermutter, verdreht? Die Begriffe wecken Assoziationen an die eigene Teenagerzeit. Dabei sind sie in der Werkzeugwelt äußerst zielgerichtet und schnörkellos. Die Einschlagmutter wird tatsächlich eingeschlagen, die Hülsenmutter sieht wirklich aus wie eine Hülse mit Kopf und der Kopf der Kronenmutter könnte im Legoland als Krone durchgehen.

"Werden eigentlich noch neue Muttersorten erfunden, Herr Schmid?" Ein heftiges Kopfschütteln kommt vom Mann der Technik. "Seit Jahrtausenden versuchen sich Menschen an der Weiterentwicklung von Schrauben und Muttern. Die Gesetze der Mechanik sind ausgereizt, es gibt für alles die passende Mutter." Was für ein schöner Satz zum Muttertag.