Wien. Sobald man sich als Bewohner der autofreien Siedlung in der Nordmanngasse 25-27 im 21. Bezirk zu erkennen gibt, kommt üblicherweise eine von zwei Reaktionen: Entweder ein Freudiges: "Ach, wie spannend! Da würde ich auch gerne wohnen." Oder ein: "Ach ja . . . die."

Mit "die" ist der Umstand gemeint, dass sich sämtliche Mieter der Siedlung vertraglich dazu verpflichtet haben, kein Auto zu besitzen. Dazu kommt die gewisse Affinität mancher Einwohner zu Birkenstock-Sandalen und Biogemüse, was der Siedlung rasch den Titel "Hippie-Sekte" verpasste und das bedeutungsschwere "die" erklärt.

Dabei zogen bei der Baufertigstellung im Jahr 1999 Menschen aus allen Schichten und Gruppierungen ein. Und das schnell. Bereits ein halbes Jahr nach der Siedlungseröffnung waren 83 Prozent aller Wohnungen vermietet. Heute, 15 Jahre später, sind die 244 Mietwohnungen mit Eigentumsoption voll ausgelastet, mit langer Warteliste. Vor allem Jungfamilien zogen rasch ein, angezogen vom kinderfreundlichen Konzept und den vielen in der Siedlung verstreuten Spielplätzen.

Nicht alle Mieter wollen
auf ihr Auto verzichten


Weil die Siedlung durch eine Gesetzesänderung auf den Bau fast aller Garagenplätze verzichten konnte, blieben Geld und Platz, um Gemeinschaftseinrichtungen zu bauen. So entstanden in Kooperation mit den Mietern unter anderem eine Sauna, Kinderspielräume, Dachbeete, ein Fitnessraum, Werkstätten, eine Waschküche und ein Jugendzimmer. Abgesehen davon zeichnet sich die Siedlung durch besonders nachhaltige Baustandards aus, welche Sonnenkollektoren, Nutzwasserleitungen und erhöhten Fassadendämmschutz inkludieren. Doch nicht die dickeren Styroporplatten sind es, welche die Siedlung so beliebt machen, sondern die hohe Lebensqualität.

Ein Großteil der Mieter nutzt regelmäßig ein Fahrrad. Robert, seit zehn Jahren wohnhaft in der autofreien Siedlung, besaß zudem nie ein Auto, obwohl er seit 35 Jahren den Führerschein hat. "Als ich mir vor zehn Jahren eine Wohnung hier ansah, dachte ich erst, puh, ganz schön weit weg von allem. Jetzt genieße ich die tägliche halbstündige Fahrradfahrt zur Arbeit und wieder retour", sagte er.

Doch nicht alle Mieter wollen auf ihr Auto verzichten. Das führt immer wieder zu hitzigen Diskussionen unter den Siedlungseinwohnern, auch weil die Einhaltung der Regelung nur schwer überprüfbar ist.

Doch trotz mancher Streitthemen würden die meisten Mieter nicht mehr hier wegziehen wollen. Robert berichtet: "Ich genieße das soziale Leben hier. Es gibt so viele engagierte Leute, die zu einer hohen Lebensqualität beitragen." Eine Aussage, der viele Mieter zustimmen, was sich unter anderem in der Betreuung der Gemeinschaftsräume und Werkstätten widerspiegelt. Diese werden von siedlungsinternen Arbeitsgruppen betreut, was die Betriebskosten um ein Drittel niedriger hält, als in anderen Siedlungen mit ähnlichen Konzepten.

Supermarktpickerl und
Klatsch und Tratsch


Daneben gibt es Siedlungsveranstaltungen, wie ein jährliches Siedlungsfest, einen Flohmarkt oder kleinere Veranstaltungen wie regelmäßige Spieleabende oder Handarbeitstreffs. Jeder Mieter kann sich bei diesen Veranstaltungen individuell und freiwillig engagieren. Die Veranstaltungen sind sehr beliebt.

Gleichzeitig verpasst es der autofreien Siedlung in Floridsdorf ein gewisses Dorfflair. "Stimmt schon", bestätigt Stefan, doch er betont: "Man bleibt unabhängig und frei, und eine gute Nachbarschaft ist die beste Pensionsvorsorge."

Dank internem Emailverteiler hat die "gute Nachbarschaft" hier System. Denn bei Fragen oder Problemen ist sofort eine Handvoll Hilfsbereiter zur Stelle, die einem mit Rat und Tat beistehen. Ganz gleich, ob Eier im Haus fehlen, die Dusche kaputt ist oder Supermarktpickerl für das Sammelalbum gesucht werden, es findet sich immer jemand, der weiterhelfen kann.

Natürlich findet sich auch immer jemand, der gern etwas mehr Rat gibt, als nötig wäre. Auch Klatsch und Tratsch stehen in so einer engen Gemeinde auf der Tagesordnung. Doch wer sich für die autofreie Siedlung entschieden hat, muss dies in Kauf nehmen, genauso wie die Birkenstock-Sandalen.