Wien. (maz) "Das war alles andere als harmlos. Sie haben die Leute aus dem zweiten Stock über die Treppe hinuntergeprügelt", erzählt ein Augenzeuge über den brutalen Polizeieinsatz bei der Räumung des besetzten Hauses. Und er spricht von einer "Watschengasse" für die Verhafteten, die man schreien hörte. "Die Feuerwehr war auch dabei und hat mit Schläuchen auf die Besetzer gespritzt."

Die Schilderungen beziehen sich allerdings nicht auf die Ereignisse am Montag im 2. Bezirk, als rund 1700 Polizisten das besetzte Haus Mühlfeldgasse 12 geräumt haben, sondern auf den 12. August 1988. Damals stürmte ein Polizeikommando das Haus Spalowskygasse 3 im 6. Bezirk, parallel dazu erfolgte auch die Räumung des Hauses Aegidigasse 13 im selben Häuserblock. Beide waren mehrere Jahre besetzt gewesen, und die Räumung dauerte zwei Tage.

Davor und danach wurden in den vergangenen vier Jahrzehnten aber noch viel mehr - zumeist leer stehende - Häuser in Wien besetzt. Manche nur für einige Stunden oder ein paar Tage, andere nachhaltig. Manche auch mehrfach im Lauf der Jahre. Und während die einen früher oder später wieder als "normale" Wohnhäuser genutzt oder abgerissen respektive umgebaut wurden, sind andere Hausbesetzungen bis heute aufrecht.

Manche Besetzungen führen zu neuen Kulturschauplätzen

Timeline der Wiener Hausbesetzungen

Beste Beispiele dafür sind das Ernst-Kirchweger-Haus in Favoriten, das seit 1990 der autonomen Szene gehört (seit 2008 mit festen Mietverträgen), oder die sogenannte Pankahyttn im 15. Bezirk, die 2007 von der Stadt Wien eigens für die Punks als Wohnprojekt eingerichtet wurde. Letzterem waren mehrere Hausbesetzungen vorangegangen, bei denen die Autonomen eine eigene Bleibe gefordert hatten - selbst die Parteizentrale der Wiener Grünen wurde kurzzeitig besetzt. Heute veranstalten die Bewohner beider Häuser regelmäßig Konzerte, Lesungen, Diskussionsrunden oder Informationsabende.

Andere Besetzungen haben nicht nur die unmittelbare Nachbarschaft, sondern auch die gesamte Wiener Kulturszene wesentlich mitbeeinflusst. Die Arena in St. Marx, das WUK (Werkstätten- und Kulturhaus) an der Währinger Straße, das selbstverwaltete Amerlinghaus am Spittelberg - sie alle würden heute nicht als Kulturstätten existieren, wären sie nicht seinerzeit besetzt und vor der Räumung bewahrt worden. Auch wenn man in diesem Zusammenhang die Frage nach der Rechtmäßigkeit einer Hausbesetzung stellen kann.