Im Gemeindebau zu leben, hat Vorteile: Die Wohnungen sind billig und mit den Innenhöfen hat man einen Garten vor der Türe, um den man sich nicht kümmern muss. - © Jenis
Im Gemeindebau zu leben, hat Vorteile: Die Wohnungen sind billig und mit den Innenhöfen hat man einen Garten vor der Türe, um den man sich nicht kümmern muss. - © Jenis

Wien. Man sieht Frau Kitzberger ihre 73 Lebensjahre eigentlich nicht an. Wenige Falten, moderater Kurzhaarschnitt. Die geblümte, ockerfarbene Damenbluse zeigt die Vielfalt der Natur. Aufrecht sitzt sie an ihrem Esstisch, das dumpfe Tageslicht spiegelt sich auf dem gemusterten Plastiktischtuch. An der Wand hinter ihr hängt ein Foto ihres vor zwei Jahren verstorbenen Gatten. Seit einem halben Jahrhundert wohnt sie nun schon hier, auf Stiege 44 im Goethehof, einem der geschichtsträchtigsten Gemeindebauten des "roten Wiens". Frau Kitzbergers Familie war sogar dunkelrot und sie ist es in gewisser Weise immer noch. Ihr Mann, ein gebürtiger Kaisermühlner, war Betriebselektriker bei der Gemeinde Wien, ihr Sohn arbeitet bei den Kinderfreunden und ihr Enkel möchte unbedingt zu den ÖBB. Früher marschierte am 1. Mai der ganze Bau in den Prater, heute interessiert das hier aber kaum noch jemanden.

Unten, im Hof, sitzt Friedrich. Er wird von seinen Haberern naturgemäß "Fritz" gerufen. Der drahtige Mittvierziger sitzt kettenrauchend auf einer Parkbank. Er sieht müde aus. Die rechte Hand umklammert ein Dose Red Bull. Das violette T-Shirt schlappert an seinem Oberkörper wie an einem Kleiderbügel - freizügig ermöglicht es den Blick auf die stark tätowierten Unterarme. Seinen Hang zum Körperschmuck verraten auch die beiden fetten Metallringe, die stolz am linken Ohrläppchen baumeln. Tauben kreisen über den mächtigen Kronen der Kastanienbäume. "Zieh dir entweder die Socken aus oder die Schuhe an", ruft er seinem Sohn in ruhigem aber bestimmtem Ton zu. Justin kommt dem liebevollen Befehl seines Vaters auch prompt nach, bevor er wieder gelangweilt auf seinem Tretroller über die bucklige Asphaltfläche rattert. "Ich hab zehn Jahre hier gewohnt, jetzt nimmer, herkommen tu ich aber trotzdem", erklärt er seine Verbindung zum Goethehof.

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Eine Wolke aus Staub und Dreck


Schließlich leben noch viele seiner Freunde hier und er selbst nur einen Katzensprung entfernt, "gleich neben der Trafik aus dem Kaisermühlen Blues". Die bekannte Fernsehserie rückte den Stadtteil Kaisermühlen und somit auch den Goethehof in den 1990er Jahren oft spöttisch ins Visier der Öffentlichkeit. Doch wie fühlt es sich tatsächlich an, in diesem Gemeindebau zu wohnen? "Die Lebensqualität ist super, die Wohnungen billig und der Kindergarten von meinem Sohn ist auch gleich da", sagt Friedrich. Das steinerne Geräusch eines Schlagbohrers hallt durch den benachbarten Innenhof. Arbeiter mit gelben Helmen beklopfen emsig die freigelegte Backsteinwand. Alter Verputz und Mauerwerk krachen durch eine Baustellenrutsche zu Boden. Eine Wolke aus Staub und Dreck erhebt sich pilzartig und hängt wie Nebel in der Luft.

Der 14. Februar 1934 ist ein schöner, sonniger Tag. Einzig Staub und Dreck trüben das Wetter. Das dumpfe Geräusch einschlagender Granaten lässt die Genossen zusammenzucken. Immer wieder prasseln Maschinengewehrsalven auf die Vorderfront des Goethehofs. Die Wohnungen dort sind komplett zerstört, die Menschen evakuiert. Inmitten der Stadt herrscht erbitterter Krieg. Um die 30 Anhänger des Schutzbundes und Kommunisten haben sich im Mittelhof verbarrikadiert. Der Kampf scheint verloren, die Lage ausweglos. Zu groß ist die Übermacht von Heimwehr und Exekutive. Die letzte Bastion der Arbeiterschaft legt ihre Waffen nieder. Jemand beginnt zu singen: "Es wird ein Wein sein, und mir wer’n nimmer sein..." Spontan steigen die anderen ein. Der Moment wirkt unwirklich, das Knistern ist beinahe zu hören.

Der Ruf des unaufhaltsamen Fortschritts


Als der Goethehof im Bürgerkrieg 1934 durch die Artilleriegeschütze der Heimwehr fast zerstört wurde, ist er erst vier Jahre alt. Neben dem Karl-Marx-Hof war er der Prestigebau der Sozialdemokratie. Die Gemeindebauten schossen nach dem Ersten Weltkrieg im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Boden. Um die neuen Wohnungen zu finanzieren, führte Bürgermeister Jakob Reumann 1921 die sogenannte Reichensteuer ein. Die Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit tragen alle die Aufschrift "Errichtet in den Jahren nach 1920. Aus den Mitteln der Wohnbausteuer". Der Finanzstadtrat und Sozialdemokrat Hugo Breitner setzte diese sozial gestaffelte Steuer durch. Die Stadtregierung musste auf die katastrophale Wohnungsnot reagieren, errichtete so bis zu ihrer Entmachtung durch den Austrofaschismus 61.175 Wohnungen in 348 Anlagen.

Jeder zehnte Wiener lebte in einer modernen und funktionalen Wohnung der Stadt. Auch der Goethehof selbst befand sich in puncto Ausstattung und Lebensqualität auf der Höhe seiner Zeit. Der helle, leistbare Wohnraum mit Wasseranschlüssen und Toiletten war bei den Wienern heiß begehrt. Heute oft als minderwertige Wohnmaschinen der sozialen Unterschicht verschrien, trug der Gemeindebau in der Zwischenkriegszeit den Ruf des unaufhaltsamen Fortschritts. Die Klasse der Arbeiterschaft sollte mehr Chancen erhalten, ihren Kindern sollte ein besserer Start ins Leben ermöglicht werden.