Mit lakonischem Stil und trockenem Humor begleitet uns der Autor durch die Welt des Gemeindebaus. - © Metroverlag
Mit lakonischem Stil und trockenem Humor begleitet uns der Autor durch die Welt des Gemeindebaus. - © Metroverlag

Oft sind sie riesige, festungsartige Kolosse, wahre Aushängeschilder der Sozialdemokratie, oft sind sie kleine Mehrparteienhäuser in zentraler Lage, oft sind sie nach berühmten Persönlichkeiten benannt, meist kleiden Mosaike ihre Fassaden, immer aber sind sie im höchsten Grade umstritten. Die Gemeindebauten spalten die Meinungen. Die Stadt Wien verstand es, die Bauten jahrelang geschickt zu vermarkten. Und tatsächlich prägte der soziale Wohnbau die Stadt - vor allem in den Jahren des Roten Wien. Die SPÖ versucht immer noch davon zu zehren. Auf der anderen Seite wird der Gemeindebau von Politikern und Medien als der Herd für sozialen Missstand, Elend, Bildungsferne und Gewalt inszeniert. Beide Ansichten sind überzogen, findet Uwe Mauch. In seinem neuen Buch "Stiege 8 / Tür 7, Homestorys aus dem Wiener Gemeindenbau" zeichnet er ein anderes, geglätteteres Bild.

Und Mauch muss es schließlich wissen, immerhin wohnt er mittendrin. Zeit seines Lebens ist er begeisterter Gemeindebaubewohner, bald ein halbes Jahrhundert lang. Und ausziehen wird er sicher nicht mehr. Diese Begeisterung für die Idee eines menschenwürdigen Wohnens für alle Bürger der Stadt merkt man dem Buch an. Mauch liebt das Leben im "Bau" und will es auch Außenstehenden näher bringen, nicht zuletzt, um die in "Krawall-Medien" geschürte Angst, aber auch die Lobgesänge der Sozialdemokratie richtig zu stellen.

Sympathischer als gedacht
Dabei entstand ein sympathisches Buch über den Alltag im Gemeindebau. Mauch pickt sich nicht die schweren Sozialfälle heraus und stellt sie der Welt voyeuristisch zur Schau, sondern beschreibt lediglich seine Nachbarn, erzählt Geschichten, wie man sie so aufschnappt im Gemeindebau. Erzählenswert sind sie allemal. Wie das im Leben eben so ist, stehen schöne, oft berührende Storys neben der Chronologie von Konflikten. Denn der "Wickel" gehört zu Wien wie der Gestank zum Benzin. So kann man zum Beispiel vom Franz lesen, der sich mit seinen 55 Jahren liebevoll um eine alte Nachbarin kümmert, für sie beim Friseur anruft, für sie einkaufen geht. Er nennt sie "Mamsch", dabei ist er nicht einmal entfernt mit ihr verwandt. Oder von der bevorstehenden Delogierung eines alleinerziehenden Arbeitslosen, die durch die Solidarität aller Mieter im letzten Moment verhindert wird.

Es gibt aber auch Geschichten von häuslicher Gewalt, den ständigen Ärger über den Lärm von Kindern und den latenten Rassismus, der sichtlich aus manchen Bewohnern spricht. Eines haben alle Geschichten gemeinsam: Man liest sie voller Hochgenuss, kann das Buch erst weglegen, wenn man am Ende der letzten Seite angelangt ist. Mit lakonischem Stil und trockenem Humor begleitet uns der Autor durch eine Welt, in der die Menschen auf engstem Raum zusammen leben. Schlussendlich entpuppt sie sich als gar nicht so fremd, wie viele erwarten würden. Zwischen den Geschichten regen anschauliche Illustrationen von Martina Montecuccoli die Vorstellung über Bauten und ihre Bewohner zusätzlich an.

Ein Versuch der Rehabilitierung
Mauchs Buch kann also mit Sicherheit etwas zur Rehabilitierung der Gemeindebauten beitragen. Denn ihr Image ist deutlich katastrophaler als ihre Wirklichkeit . Dahinter steckt die langjährige Entwicklung von den lichtdurchfluteten, großräumigen Arbeiterwohnungen der 1920er-Jahre zu den Fertigbetonsiedlungen am Stadtrand, die zum Symbol von Spießigkeit und sozialem Misstand wurden. Diese Perspektive greift allerdings mit Sicherheit zu kurz, denn laut Mauch ist das Leben im Gemeindebau immer noch von Solidarität und Nächstenliebe geprägt - und steckt voller freudiger Überraschungen.