Wenn man sich die österreichische Politik ansieht, wie beurteilen Sie die Herangehensweise an das Thema? Hat die Politik zu lange zugesehen und hat sie überhaupt die Mittel, um der Radikalisierung entgegenzutreten?

Das Phänomen ist nicht neu. Es kommt jetzt nur in einem neuen Gewand daher, nämlich als IS. Dass nun plötzlich junge Leute, teilweise im Alter von 14, sich für Krieg begeistern und sogar ausreisen, hat alle überrascht. Mich genauso. Ich glaube aber, dass das zivilgesellschaftliche Engagement zu diesem Thema zu lange ignoriert worden ist. Deutschland und England haben hier viel früher Maßnahmen ergriffen. NGOs haben sich gebildet und ehemalige Radikalisierte haben Deradikalisierungsprogramme ins Leben gerufen. In Österreich ist es so: Bis die Ersten angefangen haben die österreichische Regierung zu bedrohen, hat man diese Sache weitgehend als nicht bedenkliches Phänomen wahrgenommen. Ein richtig auslösender Moment waren dann die beiden Mädchen Anfang des Jahres. Damit hat man nicht gerechnet, dass zwei Mädchen in diesem Alter einfach weggehen, um im Kriegsgebiet aktiv zu sein. Das ist einfach zu absurd für viele Leute. Im europäischen Ausland war das schon längst ein Thema.

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) hat gemeint, dass sie jenen Österreichern, die sich dem Dschihadismus anschließen, die Staatsbürgerschaft aberkennen will. Ist das der richtige Weg?

Ob das pädagogisch gesehen der richtige Weg ist, ist die eine Frage. Aber ich verstehe sie als Innenministerin, die hauptsächlich an die Sicherheit denken muss und natürlich auf das Mittel zurückgreift, dass wer in einer fremden Armee dient, seine österreichische Staatsbürgerschaft verlieren sollte. Ich kann das Argument nachvollziehen.

Wie soll man mit Dschihadisten - es sollen etwa 60 sein -, die zurückkommen, umgehen?

Es sind doppelt so viele. Ganz unterschiedlich. Hier könnte zum Beispiel Belgien ein Vorzeigebeispiel sein. Dort wird jeder Fall einzeln evaluiert. Sie haben Kontaktbeamte bei der Polizei, die selber aus der muslimischen Community kommen. Die wissen, was religiös und ideologisch dahintersteckt und können die kulturellen Codes übersetzen. Sie sind jene Kontaktpersonen, die als Mittler zwischen Polizei und Betroffenen agieren. Abgesehen davon beobachten sie auch die Szene.

Wie sieht das in Österreich aus?

Bestimmte Politiker wollen sich das Thema nicht wegnehmen lassen. Und die, die sich auskennen würden, werden teilweise nicht eingebunden, damit man den vermeintlichen politischen Erfolg nicht teilen muss. In England geht man damit anders um, weil es ihnen um die Sache geht. Dort arbeitet die öffentliche Hand mit NGOs zusammen. In Österreich gibt es teilweise viel Aktionismus, aber zu wenig Wissen, wie man es machen soll.

Ist Wien ein Ort für radikale Imame?

Die Mehrheit der Moscheen hat normale konservative, traditionell-gepolte Imame oder Prediger, die von den Extremisten abgelehnt werden. Man könne ja schließlich nicht in einer Moschee beten, die behaupten würde, dass der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan ein Muslim sei, begründen die Dschihadisten ihre Ablehnung. Es werden daher kleine exklusive Zirkel gebildet, die sich selber wo einmieten und dort ihre Vorträge runterspulen. Die sind aber namentlich bekannt und werden dementsprechend vom Verfassungsschutz beobachtet. Viele tauchen auch in Kampfsportzentren oder Parks auf und versuchen dort die Jugendliche mit ihren Ideen zu vergiften. In den Moscheen fliegen solche Leute hochkant raus.

Was macht man, wenn man einen Dschihadisten vor sich sitzen hat und dieser nicht glaubt, dass Menschen vom IS tatsächlich geköpft wurden? Schließlich gibt es im Internet genauso viele Verschwörungstheorien wie echte Storys.

Es wird im Internet wirklich viel manipuliert. Beim Konflikt in Gaza hat man zum Beispiel Bilder aus dem Syrien-Konflikt genommen. Es gibt aber auch eine Form von Psychohygiene, wo man etwa das Köpfen von Menschen abstreitet. Das können wir gar nicht sein, heißt es dazu. Wir sind ja zivilisiert. Das ist vom CIA oder vom Mossad manipuliert. Wenn man mit radikalisierten Menschen redet, die das abstreiten, braucht man allerdings nur den nächsten Schritt machen und ihnen beweisen, dass es echte Szenen sind. Und das gelingt dann schon. Die Heldenbilder, die durch den Islamischen Staat erzeugt wurden, zerbröseln dann in diesem Moment.

Der Wiener Dschihadist Mohamed Mahmoud musste von 2007 bis 2011 eine Haftstrafe wegen der Bildung und Förderung einer terroristischen Vereinigung in Wien absitzen. Warum hat man es damals nicht geschafft, ihn von seinen radikalen Ansichten abzubringen? Er soll laut dem "Kurier" sogar einer der Mitbegründer des IS sein.

Weil es damals wahrscheinlich keine Betreuung oder ein Deradikalisierungsprogramm gab. Die Behauptung, er sei Mitgründer des IS, ist eigenartig. Der IS entwickelte sich aus der Gruppe "At-Tawhid wa-l-Jihad" im Irak, die 2003 von Az-Zarqawi gegründet worden ist und sich ab 2006 bis 2013 "Islamischer Staat im Irak" nannte. Zu diesem Zeitpunkt war Mohamed Mahmoud noch Jugendlicher. Er hat aber die Propaganda vom ideologischen Vordenker, Al-Maqdisi, weiterverbreitet. Dazu gehören auch Bücher wie "Millatu Ibrahim" oder "Das ist unsere Aqida" von Al-Maqdisi, welche ins Deutsche übersetzt und auf einer Webseite veröffentlicht wurden. Er kann aber insgesamt als offener Unterstützer dieser Ideologie und Organisation gesehen werden.