Wien. Von außen sieht es aus, wie viele andere Gründerzeithäuser in der Leopoldstadt, in Wien. Vier Stockwerke hoch, eine graue, glatte Fassade, hohe Fenster und eine Eingangstür, hinter der man unverputzte Mauern und einen Duft nach Kartoffelkeller erwartet. Doch im Innern offenbart das Gebäude in der Eberlgasse seine Einzigartigkeit. Denn europaweit ist hier erstmals ein Gründerzeithaus in bewohntem Zustand so saniert worden, dass Passivhausstandards erreicht wurden – wärmegedämmte Fassaden, dreifach verglaste Fenster und Balkontüren und durchgehende Belüftung. Dadurch soll der Heizwärmebedarf von 140,16 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter (kWh/.a) auf 11,11 herabgesenkt werden.

Forschungs-Objekt

Andreas Kronberger, dem das Haus gemeinsam mit einem Partner gehört, hat das Projekt betrieben. Er selbst wohnt auch dort. Es war ihm ein Anliegen, "die technischen Möglichkeiten in thermisch-energetischer Hinsicht aufzuzeigen". Denn während im Neubaubereich energieeffiziente Technologien schon sehr weit verbreitet sind, ist es bei bestehenden Häusern eine Herausforderung, diese auf moderne Standards aufzurüsten. Vom Keller, wo die Grundwasser-Wärmepumpe für nachhaltiges Warmwasser und Beheizung sorgt, über die Lüftung in den einzelnen Wohnungen bis hin zum Dach, wo eine Photovoltaikanlage den Strombedarf der Dachgeschosswohnungen abdecken soll, ist das alte Haus aus dem Jahr 1898 nun ein modernes Vorzeigegebäude, das auch international interessiert.

Die Sanierung zu ermöglichen, liege im Interesse der Stadt, so Wohnbaustadtrat Michael Ludwig bei einer Besichtigung. Rund die Hälfte der Gesamtkosten von 1,6 Millionen Euro wurde mit Mitteln aus der Wohnbauförderung unterstützt. So gab es einen nicht rückzahlbaren Zuschuss (143.000 Euro), ein günstiges Landesdarlehen (292.000 Euro) sowie Annuitätenzuschüsse (368.000 Euro). Außerdem soll das Projekt umfassend evaluiert und sollen die Ergebnisse dann für weitere Sanierungen bewohnter Gründerzeithäuser herangezogen werden.

Schon jetzt hat Miteigentümer Kronberger die Erkenntnis erlangt, dass man bei so einer Sanierung immer mit Überraschungen rechnen muss. So stieß man bei diesem Haus beim Einbau der Lüftungsanlage auf eine Schiene – war doch das Gebäude durch einen Bombentreffer zerstört und mit Material, das gerade zu finden war, wieder aufgebaut worden. Dieser Schaden, der die einst gegliederte Straßenfassade zerstörte, machte es nun möglich, die Gebäudehülle entsprechend der Passivhausqualitäten zu dämmen – was durch die strukturierten Fassaden bei Gründerzeithäusern sonst schwierig bis unmöglich ist.

Das Beste aus zwei Welten

Bewohner wie Helmut Simmer freuen sich, das Beste aus beiden Welten zu haben: hohe Wohnräume, die den Charme der Gründerzeithäuser ausmachen, und gleichzeitig moderne Technologie, die Nachhaltigkeit verspricht. Nur dort, wo es notwendig war, wurde die Lüftungsanlage in einer abgehängten Decke eingebaut – so blieb im Großteil der Wohnung der Altbaucharakter erhalten.

Simmer ist einer von drei neuen Mietern. Sieben Parteien waren es während der Sanierung im Haus – eine zusätzliche Herausforderung. Die meiste Zeit konnten sie in ihren Wohnungen bleiben, während der intensivsten Phase zogen zwei Mieter kurzfristig in eine freie Wohnung im 1. Obergeschoß um. In zwei weiteren Fällen wurde der Urlaub von Mietern genutzt, um die gröbsten Arbeiten durchzuführen. Für die Dauer der Arbeiten wurden zwischen dem Eigentümer und den Mietern eine reduzierte Miete vereinbart. Nun bleibt abzuwarten, ob die 11,11 kWh/.a tatsächlich erreicht werden.