Wien. Sie werden in Großstädten wie Wien oft totgeschrieben, doch vereinzelt gibt es sie dennoch: die Grätzel, wo sich viele Menschen noch beim Namen kennen und ihren Alltag wie in einem kleinen Dorf gestalten.

Die Gumpendorfer Straße, die streckenweise ziemlich verwahrlost erscheint, bietet im Abschnitt zwischen Grabnergasse und Brückengasse solch ein Grätzel. Der Schneider, der Bäcker, das Eisgeschäft, die Kirche, die Apotheke, der Fleischer und der Greißler reihen sich hier nebeneinander und machen den Bereich zu einem kleinen dörflichen Idyll, das die Bewohner sehr schätzen.

"Ich bin seit 50 Jahren in Mariahilf und ich kenne die Gegend hier noch aus einer Zeit, wo der 57er hier fuhr. Wohlgemerkt die Straßenbahn, nicht der Bus. Wenn ich täglich in jene Geschäfte gehe, die es auch schon damals gab, dann freue ich mich. Es ist ein Stück gelebte Nostalgie" schwärmt Elfriede E. Die rüstige 79-jährige Pensionistin ist Stammkundin bei Michi’s Feinkostladen. Der kleine Einzellebensmittelhändler sei zwar teurer, aber persönlicher und qualitativ besser als der Supermarkt. "Nur durch uns Stammkunden können diese Geschäfte, die in vielen anderen Teilen der Stadt immer öfter zu sperren müssen, noch weiter existieren. Wenn in ein paar Jahren auch meine Generation das Zeitliche gesegnet hat, dann ist es auch damit vorbei", erklärt sie.

Neben dem Greißler schätzt Frau E. auch, dass es noch einen Bäcker gibt, der täglich frisch bäckt. "Es gab einmal sieben Bäcker hier in der Umgebung, jetzt haben wir noch einen. Den Hafner. Und der hat wegen der großen Konkurrenz durch die Supermärkte eine Marktlücke für sich entdeckt und sperrt seit einiger Zeit auch am Sonntagvormittag auf. Da kommt der halbe Bezirk zu ihm das Frühstück einkaufen und sichert ihm so sein Überleben", erklärt Elfriede E.

"Einer der letzten Betriebe, die alles selbst machen"

Ein zustimmendes Nicken kommt von Helga A. Sie ist ebenfalls Mariahilferin und weist uns auf einen anderen - wie sie ihn nennt- Edelstein - im Bezirk hin. "Die Fleischerei Ringl ist einer der letzten traditionellen Betriebe in Wien, die alles selbst machen. Hier gibt es Fleisch und Wurst wie damals", unterstreicht sie.

Pfefferhexen, Speckwurst, Zungenwurst, Feigenpastete, Ringelknöpfe, Knackwürste, Zwetschgenblutwurst, Dauerwürste in Stiefelform und Leberknödel: Im kleinen Familienbetrieb duftet es nach frischer Wurst, Leberkäse und Rindfleisch. 100 bis 200 Kunden werden hier täglich individuell und zeitintensiv betreut.

"Die haben hier Öffnungszeiten ab 5.30 Uhr, ein offenes Ohr für meine aufwendigen Vorbestellungen und ein großes Augenmerk auf Kundenzufriedenheit. Natürlich komme ich da wieder", sagt Helga A. 300 Kilogramm Rindfleisch werden pro Woche verkauft. Kunden aus Baden, Stockerau, Krems und Wiener Neustadt nehmen den weiten Weg auf sich, um hier einzukaufen. "Dieses Haus auf der Gumpendorfer Straße 105 im 6. Bezirk hat seit 1924 eigentlich nur Fleischereien gesehen. Meine Großeltern haben sich diesen Standort seit 1966 ausgesucht, zuvor waren wir in der Webgasse", erklärt einer der beiden Chefinnen, Claudia Ringl, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Sie führt das Geschäft gemeinsam mit ihrer Schwester Monika, die seit 1983 hinter der Theke steht. 2009 ging der Vater und nunmehrige Seniorchef Helmut Ringl in Pension und übergab an die nächste Generation. Er arbeitet aber immer noch mit.

"Das Besondere bei uns ist, dass mein Vater die Wurst zu 100 Prozent selbst macht. Es ist kein Stück zugekauft. Unsere Wurst besteht aus Fleisch, Gewürzen und enthält keine Zusatzstoffe. Bei der Extrawurst etwa verzichten wir auf das Weizenmehl, beim Schinken auf die Phosphate", erklärt die passionierte Fleischerin, die seit 1991 im Geschäft tätig ist, stolz.

"Eine Fleischerei lebt von der Qualität"

In der Industrie werde viel Wasser verwendet, um das Endprodukt zu binden und die Gewinnspanne zu erhöhen. Hingegen erhalte man bei den Ringls einen saftigen Schinken wegen der guten Fleischqualität.

Was macht eigentlich den Erfolg aus und wie kann man angesichts der großen Konkurrenz als kleiner Familienbetrieb überleben? "Eine Fleischerei lebt von der Qualität. Bei uns werden die Tiere aus dem Waldviertel langsam großgezüchtet, haben Auslauf und werden stressfrei geschlachtet. Das Fleisch stammt zudem von vielen verschiedenen Kleinbauern aus der Region und auch die Schlachthöfe sind kleine Familienbetriebe", unterstreicht Ringl.

Ein Unikum sei auch, dass das ganze Tier verarbeitet werde. "Wir überleben, indem wir Ringl bleiben und alles selbst machen." In den Supermärkten bekämen die Bauern weniger und die Ware sei voll von Zusatzmitteln, den Unterschied schmecke der Kunde, so die Chefin weiter.

Dafür seien die Kunden auch bereit, etwas tiefer in die Tasche zu greifen, denn die Preise für 10 Dekagramm Wurst sind etwa 20 bis 30 Prozent höher als im Supermarkt.

Sogar beim Gebäck wird nichts dem Zufall überlassen. Dieses wird täglich frisch aus der Bäckerei Blutaumüller - einer der letzten Bäckereien im Herzen Wiens, die nicht aufbacken, sondern täglich alles frisch herstellen. Manchmal gehe man auch zum Hafner.