Wien. TU-Verkehrsplaner Harald Frey ist einer der Vordenker einer urbanen Mobilitätswende. Im Interview zieht der Wissenschaftler Bilanz über vier Jahre Rot-Grün und beantwortet die Frage, wie sich der Wandel weg von einem Auto-zentrierten Verkehrssystem politisch verkaufen und in den Köpfen der Menschen verankern lässt.

"Wiener Zeitung": Wir stehen am Ende der ersten rot-grünen Legislaturperiode in Wien. Wie wird sich die Verkehrspolitik in der Wahlzelle auswirken?

Harald Frey: Ich denke, letztendlich positiv für die Regierungsparteien. Deshalb, weil die Menschen spüren, dass die Maßnahmen zur Reduktion des motorisierten Individualverkehrs die Lebensqualität erhöhen. Es gibt mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer. Flächen werden effizienter genutzt. Das Wohnumfeld wird sicherer.

Parkraumbewirtschaftung und Verkehrsberuhigung sind aber sehr polarisierende Themen. Die Opposition heftet sich gerne die Verteidigung der Autofahrer auf die Fahnen.

Noch keiner ist abgewählt worden, weil er auf Kosten von Parkplätzen den Gehsteig verbreitert hat. Die Entscheidung in der Wahlzelle wird nicht nur wegen der Verkehrspolitik getroffen. Untersuchungen zeigen, dass andere Faktoren wesentlich wichtiger sind wie zum Beispiel soziale und ökonomische Themen oder die Bildung.

Beim Verkehr wiegt oft die Furcht vieler Politiker schwerer. Denken Sie an die EU-Wahl im vergangenen Mai. Da hatte man prophezeit, Rotgrün würde wegen der Mariahilfer Straße einen Denkzettel kassieren. Es kam anders. Die Vergangenheit zeigt: Zuerst werden die Maßnahmen medial und politisch hochgespielt. Dann gewöhnen sich die Menschen sehr schnell daran, weil sie bald die Vorteile entdecken.

Welchem Koalitionspartner nutzt das Verkehrsthema mehr?

Der Partei, der die Agenda zugesprochen wird. Momentan sind es die Grünen, weil sie eben das Verkehrsressort leiten. Aber eine umwelt- und menschengerechtere Verkehrspolitik ist keine Erfindung der vergangenen vier Jahre. Maßnahmen wie der Ausbau des Öffentlichen Verkehrs und der Fußgängerzonen reichen bis in die 1970er-Jahre zurück. Das Thema wird parteipolitischer gemacht als es ist. Im weltweiten Vergleich ist eine Verkehrspolitik, die auf ein Zurückdrängen des Automobils setzt, kein Thema, das bloß einer Partei zuspielt. Jede politische Kraft in einer Stadtregierung muss sich damit beschäftigen.

Verkehrsberuhigende Maßnahmen sind keine Besonderheit Wiens, sondern ein weltweiter Trend. Städte wie New York, München, Bogota, Zürich, Rom oder London bemühen sich, den Autoverkehr zurückzudrängen. Warum gibt es in Wien eine fast schon reflexhafte Ablehnung dieser Maßnahmen?

Viele Menschen haben Schwierigkeiten, sich eine Zukunft vorzustellen, die anders ausschaut als der Status quo. Im Zweifel soll alles so bleiben, wie es ist. Das führt oft zu Antworten und Reaktionen, die nicht sachlich sind. Argumentiert wird dann etwa, dass die Menschen in Kopenhagen, Paris oder London anders denken und handeln würden als die Wiener. Das geht soweit, dass Menschen Parkplätze vor ihrer Haustüre verteidigen, obwohl sie selbst nicht einmal ein Auto haben und unter Verkehrslärm leiden. Sie können sich einfach keine andere Straßen-Nutzung vorstellen als die, dass zwei Drittel von fahrenden oder parkenden Pkw blockiert werden. Aber neue Rahmenbedingungen ändern das menschliche Verhalten: Vor 30 Jahren wurden mehr als 40 Prozent aller Wege mit dem Auto zurückgelegt. Heute sind es nur noch 27 Prozent.

In einem Interview vor wenigen Wochen haben Sie angeregt, das Parken in Kurzparkzonen ebenso so teuer zu machen wie das in Garagen: Wie kann man solche Maßnahmen politisch verkaufen?

Als Wissenschaftler kann ich es mir glücklicherweise leisten, wissenschaftliche Erkenntnisse einfach auszusprechen. Vergleicht man die Mietkosten für knappen Wohnraum in der Stadt mit dem Preis für das Abstellen eines Pkw im Öffentlichen Raum, wird die Diskrepanz offensichtlich. Wenn ich gleichzeitig weiß, wie viele Garagen in Wien leer stehen, ist es logisch, die schrittweise Angleichung des Preisniveaus zu fordern. Eigentlich müsste in Wien kein einziges Auto im öffentlichen Raum herum stehen. Wir haben mehr Garagenplätzen als zugelassene Fahrzeuge. Es ist Raum, den wir anders nutzen könnten: für Schanigärten, für Rad-Infrastruktur, für Grünraum oder Spielplätze. Mein Ratschlag an die Politiker ist: klar aussprechen, wohin die Reise geht.

Die Stadt Wien hat mit dem Step 2025 Mobilitätskonzept ihre Zukunftsvision für den Verkehr Wien vorgelegt. Konkret werden Maßnahmen wie temporäre Sperren von Straßenzügen, Flaniermeilen, Begegnungszonen, Radlangstrecken, mehr Car-Sharing und der Ausbau des öffentlichen Verkehrs angesprochen. Wie klingt das für Sie?

Der Step 2025 ist das umfassendste Fachkonzept zum Bereich Mobilität, das mir bekannt ist. Es ist sehr weitblickend. Insbesondere, weil es nicht nur den Verkehr betrifft, sondern die Gestaltung des öffentlichen Raumes mitdenkt. Um das Mobilitätskonzept umzusetzen, wird man jede Menge zu tun haben. Aber es ist gut und wichtig, dass es auf dem Tisch liegt.