Wien. Währing ist schön, großteils auch bieder, aber keinesfalls cool. Der Bezirk hat den Charme eines Mahagoni-Wandverbaus, der täglich frisch poliert wird. Baden, Salzburg und München sagen viele, wenn sie den 18. Bezirk mit anderen Orten vergleichen. Feiern, ob es kein Morgen gäbe? Fassaden, auf denen der Putz herunterbröckelt? Menschen, mit schriller Kleidung? Fehlanzeige. Hier trifft die Hofratswitwe auf den neureichen SUV-Fahrer. In den Gassen dominieren Einstecktuch, Föhnfrisur und dicke Autos.

Mehr als 48.300 Menschen wohnen in dem Nobelbezirk, der aus den Vororten Währing, Weinhaus, Gersthof und Pötzleinsdorf gebildet wurde. Die Namen der Vororte sind immer noch allgegenwärtig und als identitätsstiftendes Merkmal nicht aus dem Bezirk wegzudenken. Ein Pötzleinsdorfer würde sich nie als Währinger oder Gersthofer bezeichnen. Was für den Außenstehenden kleingeistig wirkt, ist für den Bezirksbewohner selbstverständlich. Der Währinger schätzt es, wenn alles seine Ordnung hat. Große Veränderungen lehnt er ab. Dass die grüne Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou eine Abfuhr erhielt, als sie vor zwei Jahren den überwiegenden Teil des 18. Bezirks zu einer Parkpickerlzone machen wollte, ist wenig überraschend.

Doch solche Konflikte sind selten oder werden schnell unter den Teppich gekehrt. Diskretion ist in Währing oberstes Gebot. Verschwiegen. Zurückhaltend. Heimlich. Die Stille in der Straßenbahn, das schulmeisterliche Räuspern, wenn jemand mit dem Handy telefoniert, und das feine Lächeln, um unangenehme Fragen abzuwehren. Sich in aller Öffentlichkeit im Ton zu vergreifen, das verbietet die Währinger Erziehung. Schon immer zog das ehemalige Weinbauerndorf die bürgerlich-konservativen Schichten der Wiener Gesellschaft an. Es kamen Adelige, hohe Beamte, Offiziere und Vermögende, die auf den weitläufigen Hügeln in Pötzleinsdorf und Gersthof ihre Sommerfrische verbrachten und die frische Luft genossen. Noch heute betonen die Währinger, wie gut die Luft im Bezirk sei. Der allgegenwärtige Westwind würde den Sauerstoff vom angrenzenden Wienerwald direkt in den Bezirk blasen, heißt es.

Kreuzgassenviertel als Feigenblatt


Viele der Sommerfrischler ließen sich ab der Frühgründerzeit (1840-1870) im Bezirk nieder. Das Weinbauerndorf wurde innerhalb weniger Jahrzehnte ein Wohnviertel für den Mittelstand und die Oberschicht. Daran hat sich nichts geändert.