Blick auf das "Hässliche Wien": Gebäude am Donaukanal, Johann-Strauss-Denkmal im Stadtpark, ungarisches Kulturinstitut,Skulptur im Gesundheitsministerium. Luiza Puiu
Blick auf das "Hässliche Wien": Gebäude am Donaukanal, Johann-Strauss-Denkmal im Stadtpark, ungarisches Kulturinstitut,Skulptur im Gesundheitsministerium. Luiza Puiu

Wien. Zwei halbnackte Frauen, die sich leidenschaftlich küssen. Ein muskelbepackter Mann, der seinen knackigen Po zur Schau stellt. Mehrere in Ekstase geratene Männer und Frauen. Und mittendrin eine vergoldete Bronzefigur, die auf einem Marmorsockel steht und Geige spielt.

Was nach einem billigen, verkitschten Softporno klingt, ist in Wahrheit eines der am meist fotografiertesten Denkmäler in Wien. Tausende Touristen aus aller Welt lassen sich täglich mit dem Denkmal im Hintergrund ablichten. Gewidmet ist es dem als Walzerkönig bekannten Komponisten Johann Strauss, dessen Ebenbild in Bronze gegossen wurde.

"Das erinnert mich in keinster Weise an die Musik von Johann Strauss", sagt Eugene Quinn. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Strauss damit seine Freude gehabt hätte." Der Londoner lebt seit sechs Jahren in Wien und hat sich von Anfang in die Stadt verliebt, erzählt er. Doch es sind nicht imperiale Paläste, der Geruch nach Sachertorte oder kitschige Walzer-Denkmäler, warum der Brite gerne in Wien lebt. Er schätze viel mehr die lebendigen Seiten an Wien, wie etwa die Vielzahl an verrückten architektonischen Fehlern und Modeerscheinungen. Schön könne hingegen so langweilig sein, sagt Quinn.

Mit seinem Spaziergang "Hässliches Wien - Die furchtbarsten Gebäude" will er nun einen Gegenpart zu Sissi-Klischees und Fiaker-Touren einnehmen und neue Perspektiven der Stadt vorstellen. "Ich möchte eine ungeschminktere, zeitgemäße und humorvolle Version der Stadt zeigen", erklärt der Londoner sein Konzept, das er gemeinsam mit Nina Hochrainer und dem Verein "Space and Place" erstellt hat. Sein Zielpublikum sind Touristen und Wiener.

Ein Gebäude wie Putin


Die Tour startet am Karmelitermarkt im 2. Bezirk. Quinn trägt einen schwarzen Pullover und eine grell-orange Hose der Müllabfuhr. In der Hand hält er einen unförmigen Zweig mit zwei Ästen. Auf dem einen steht "Vienna" auf dem anderen "Ugly". Etwa ein Dutzend hässlicher Gebäude wird er in den darauf folgenden zwei Stunden zeigen.

Das ungarische Kulturinstitut "Collegium Hungaricum" in der Hollandstraße 4 unweit des Donaukanals ist eines der ersten Objekte des Spaziergangs. Das erste Mal, als Quinn an dem Kulturinstitut vorbeiging, musste er an den Kalten Krieg denken, erzählt er. "Ich dachte daran, wie das kommunistische Ungarn diesen dekadenten, bürgerlichen, westlichen Schweinen, seine Verachtung durch den Bau von möglichst hässlichen Gebäuden zeigen wollte. Ich war überrascht, als ich bei der Recherche herausfand, dass es erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1999 erbaut wurde."

Quinn stimmt der Beschreibung auf der Homepage des Instituts zu, dass das Gebäude ein Anziehungspunkt am Donaukanal sei, wenn auch ein fragwürdiger. "Es ist ein stolzes und auch ein bisschen ein brutales Gebäude. Ein kleines Gebäude mit großen Ideen. Wenn es eine Person wäre, dann wäre es Wladimir Putin", so der Brite über das Kulturinstitut.

Auf der Liste der hässlichen Gebäude steht auch das österreichische Gesundheitsministerium. "Es wirkt von außen böse und unheilvoll", sagt Quinn. "Die Kombination von grün und blau funktioniert selten gut", sagt er und deutet auf die Fassade. Die Tour führt auch ins Innere des Ministeriums. Die vielen Verspiegelungen, die aufdringlichen, kleinen Neonlichter, das fehlende Tageslicht. Der Londoner fühlt sich an typische Provinzspitäler in Großbritannien erinnert.

Der Blickfang in der Eingangshalle ist eine Skulptur eines durchtrainierten Mannes, dem der Penis und der Kopf abgerissen wurde. Das würde es in den britischen Provinzspitälern aber nicht geben, sagt Quinn.

Grau und heiter


Auch die grauen Wiener Stromkästen sind Teil des Rundgangs, genauso wie der Schwedenplatz, der für den britischen Reiseführer ein chaotischer und sonderlicher Ort ist. Der Platz sei für ihn vergnügt und heiter mit all seinen Betrunkenen. In einer organisierten Stadt wie Wien eine Ausnahme. Zudem habe der Schwedenplatz rund um die Uhr geöffnet. "Man kann immer ein Bier oder etwas zu essen bekommen oder Brot und Milch kaufen."

Mit der Tour will Eugene Quinn eine Debatte über Hässlichkeit in Wien starten, aber nicht beenden, wie er betont. Diskutiert werden dabei Themen wie Gentrifizierung, die Rolle der Medien, die Stadtplanung, gierige Bauunternehmer und die Unesco.

Über Hässlichkeit zu diskutieren soll aber auch Spaß machen, sagt Quinn. Schließlich ist Hässlichkeit nie langweilig und daher wieder schön.