Wien. Zwischen Löwelstraße und Bruno-Kreisky-Gasse, mit Blick auf den Heldenplatz und die Hofburg, steht eines der geschichtsträchtigsten Gebäude Wiens: das Bundeskanzleramt. In der Presse wird es nach dem offenen Platz, der sich vor ihm erstreckt, als "Ballhausplatz" bezeichnet. Der Barockbau wurde 1717 von Reichsvizekanzler Friedrich Karl von Schönborn-Buchheim als "Geheime Hofkanzlei" angeordnet. Dort sollte künftig die Außenpolitik der Donaumonarchie geregelt werden. So wie das Ballhaus, das zuvor an diesem Platz stand, wurde der Barockbau zum Spielplatz der Aristokratie - denn nur Adelige wurden zu Diplomaten ernannt. Das heutige Bundeskanzleramt war vor 200 Jahren Schauplatz des Wiener Kongresses, auf dem die Grenzen Europas neu verhandelt wurden. Momentan erzählt eine Ausstellung im Gebäude von diesem historischen Ereignis. Der Ballhausplatz hatte aber nicht nur glanzvolle, sondern auch düstere Zeiten miterleben müssen.

Der rechte Flügel des Ballhausplatzes, der Reichsstatthalterei der Nazis in Wien, wurde 1944 durch alliierte Bomben zerstört. - © BKA/BPD
Der rechte Flügel des Ballhausplatzes, der Reichsstatthalterei der Nazis in Wien, wurde 1944 durch alliierte Bomben zerstört. - © BKA/BPD

"Diese Mauern mussten schon viel ertragen", erklärte Kulturminister Josef Ostermayer am Dienstagabend vor Journalisten im Kongresssaal des Bundeskanzleramts. Damit spielte er auf die Rolle des Barockbaus während der nationalsozialistischen Diktatur zwischen 1938 und 1945 an, die im Auftrag des Bundeskanzleramts von Peter Schwarz erforscht wurde. Die Studie zeichnet ein Bild der Verwaltungsapparate, die der Ballhausplatz unter dem Nazi-Regime beherbergte, und der Prozesse, die sich dort abspielten.

Nach dem erzwungenen Abtritt der Bundesregierung Schuschnigg am 12. März 1938 und dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich verlor das Bundeskanzleramt auf einen Schlag einen Großteil seiner politischen Bedeutung. Es war nun nicht mehr der Sitz höchster staatlicher Organe, sondern sank zum Quartier regionaler Mittelinstanzen. Die obersten Behörden saßen in der Reichshauptstadt Berlin.

Wien, die Stadt, in der Hitler einst als Kunstmaler gescheitert war und die er als "Verkörperung der Blutschande, ein widerwärtiges, verjudetes Rassenkonglomerat", bezeichnete, wurde zur Provinzstadt degradiert. Als Sitz des "Reichsstatthalters in Österreich", Arthur Seyß-Inquart und der Abteilungen I und II des Ministeriums für innere und kulturelle Angelegenheiten war der Ballhausplatz machtpolitisch an die Peripherie des Dritten Reichs gerückt.

Es erfolgte eine Umwälzung des politischen Systems im großen Stil. Die Eliminierung bestehender Verwaltungsstrukturen, die politische Säuberung unter den Beamten und die Gleichschaltung der neuen Verwaltung an Hitlerdeutschland nahm die folgenden zwei Jahre in Anspruch. Im Metternich-Zimmer, das zuvor dem Bundespräsidenten als Arbeitszimmer diente, sollte nun Seyß-Inquart schalten und walten.

Bei der Eingliederung Österreichs ins Dritte Reich hatten viele Ämter und Akteure ihre Hände im Spiel, die sich oftmals untereinander um Kompetenzen stritten und Konkurrenzkämpfe miteinander führten.

Hermann Göring, Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, wurde von Hitler beauftragt, den sogenannten Vierjahresplan umzusetzen. Vordergründig als Maßnahme zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit gedacht, diente er dazu, die österreichische Wirtschaft für die militärische Aufrüstung Nazideutschlands nutzbar zu machen. Auch die "Zentralstelle für die Durchführung der Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich" unter dem Reichsminister des Innern Wilhelm Frick hatte ihren Sitz am Ballhausplatz.

Sprachrohr und Handlanger von Göring und Frick, die in Berlin residierten, war der Reichsbeauftragte für Österreich, Wilhelm Keppler, der vom Kongresssaal des Bundeskanzleramts aus agierte. Wo während des Wiener Kongresses noch Diplomatie herrschte, wurden nun die außenpolitischen Sektionen der ehemaligen österreichischen Verwaltung durch Keppler liquidiert. Anstatt von Friedensverhandlungen wurden nun Kriegsvorbereitungen getroffen.

Eine bestimmende Figur des Eingliederungsprozesses wurde gleich zu Anfang von Hitler nach Wien geschickt: der aus der Saarpfalz stammende Gauleiter Josef Bürckel. Ursprünglich war er beauftragt, die posthume Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs vom 10. April 1938 zu organisieren, um die Annexion nachträglich zu legitimieren. Bürckel wurde schnell zum Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich ernannt, was ihm weitestgehend das Weisungsrecht über Seyß-Inquart und die österreichische Landesregierung sicherte.

Bei der Durchsetzung seiner Ideen keineswegs zimperlich, setzte sich Bürckel oft gegen Frick durch und drängte Keppler aus dem Amt, indem er die Position des Reichsbeauftragten an sein eigenes Kommissariat angliederte. Nach der Aufteilung Österreichs in sieben Reichsgaue verlor die Landesregierung unter Seyß-Inquart ihre Funktion. Bürckel riss so sukzessive mehr Befugnisse und Macht an sich und verleibte sich unter anderem die staatliche und kommunale Verwaltung im Reichsgau Wien ein. Er hatte sich das österreichische Parlament als Amtssitz auserkoren und verlegte alle seine Ämter dorthin. Der Ballhausplatz rückte so auch auf der Ebene der Kommunalverwaltung mehr in den Schatten des Parlaments und verlor zunehmend an Bedeutung.