Herr B. im neuen Neunerhaus. Stanislav Jenis
Herr B. im neuen Neunerhaus. Stanislav Jenis

Wien. Es ist wenig los im Café des neuen Neunerhauses. Herr B., der "ehrenamtliche Kaffeehauswirt", erledigt noch ein paar Handgriffe hinter dem Tresen, dann ist Feierabend für heute. Er nimmt ein Packerl mit Schwammerl unter den Arm und geht zum Aufzug, der ihn in seine Wohnung im fünften Stock bringt. "Vielleicht mach ich mir heut ein Schwammerlgulasch", sagt der gelernte Koch mit Vorfreude. "Oder ich röst sie mit Ei an. Schau ma mal."

Seit April wohnt Herr B. im neuen Wohnhaus für obdachlose Menschen im 3. Bezirk. Durch unglückliche Umstände hatte er 2014 in kürzester Zeit Wohnung, Partnerin und Arbeitsplatz verloren, stand vor dem Nichts. Es folgten einige Monate in der Notschlafstelle in Meidling, bis er das Glück hatte, in der Hagenmüllergasse eine eigene Wohnung zu bekommen, wo er nun bis zu zwei Jahre bleiben kann.

Geschätzt über 12.000 Menschen sind in Österreich wohnungslos, drei Viertel davon in Wien. Mit Herrn B. haben 79 Betroffene seit kurzem einen eigenen Wohnplatz im Neunerhaus Hagenmüllergasse. Das Wohnhaus wurde von der Wohnbauvereinigung für Privatangestellte auf einem Grundstück der Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos errichtet und wird von der Sozialorganisation Neunerhaus betreut. Der alte Bau beherbergte dort seit 2001 das erste von mittlerweile drei Neunerhäusern für wohnungslose Menschen in Wien. Weil das Gebäude baufällig war und sich die Sanierung nicht mehr lohnte, wurde es 2012 abgerissen und im Juni 2015 als ökologisches Passivhaus und geförderte Einrichtung des Fonds Soziales Wien mit neuem Betreuungskonzept wiedereröffnet.

"So wenig Heimcharakter und so viel Individualität und Partizipation wie möglich" lautete die Herausforderung an die Architekten bei der Planung des neuen Hauses. Denn so versteht das Neunerhaus moderne Unterstützung für obdachlose Menschen. "Es geht darum, die Menschen in ihrer Eigenständigkeit und Selbstbestimmung zu fördern", sagt Annerose Perera, Hausleiterin im Neunerhaus Hagenmüllergasse. "Sie sollen so normal wie möglich wohnen, um später wieder in eigene vier Wände ziehen zu können." Die 73 barrierefreien Wohnungen sind im Schnitt 25 Quadratmeter groß, verfügen über Küchenzeile, Wohnraum mit Kasten, Tisch und Sesseln und ein Bad mit Dusche und WC. Jede Wohnung im Haus hat einen individuellen Grundriss, kein Stockwerk sieht aus wie das andere und jeder Bewohner kann seine Räume nach eigenen Vorstellungen gestalten. Alle haben einen eigenen Postkasten und Wohnungsschlüssel und die Bewohner wurden von Anfang an in die Planung und Gestaltung des Hauses miteinbezogen.

Wohnen mit Behinderung


Worauf die Organisation besonders stolz ist: Durch die erstmalige Zusammenarbeit von Wiener Wohnungslosen- und Behindertenhilfe können nun auch obdachlose Menschen mit Behinderung längerfristig in einen sozial betreuten Wohnbereich des neuen Neunerhauses einziehen. Die Bewohner der 22 Wohneinheiten werden teilbetreut und haben eine persönliche Assistenz. Die Erstförderung geht über fünf Jahre, mit Option auf Verlängerung.

Auch wer übergangsweise hier wohnt, bekommt auf Wunsch Unterstützung bei der, nach langer Obdachlosigkeit oft ungewohnten, Bewältigung des Alltags und der Arbeit an neuen Zukunftsperspektiven. So sind neben Sozialarbeiterinnen rund um die Uhr Wohnassistentinnen und -assistenten anwesend, die bei Bedarf helfen, den Haushalt zu regeln, den Einkauf zu planen oder Behördenwege zu erledigen. Es gibt eine ärztliche Ordination und psychologische Betreuung im Haus, die man auch ohne Versicherung in Anspruch nehmen kann, und vier Mal pro Woche wird sozialarbeiterische Betreuung angeboten. Jeder kann, niemand muss die Begleitung annehmen. Die meisten Bewohner sind aber froh darüber, sagt Hausleiterin Perera: "Sie sehen, dass es wichtig ist, wieder an einer Perspektive zu arbeiten, denn sie wissen: Das hier ist keine Einrichtung für immer."

In vielen Dingen helfen sich die Bewohner auch gegenseitig oder organisieren gemeinsame Aktivitäten in den gemeinsam gestalteten Gemeinschaftsräumen. "Durch den Wohnhauscharakter bleibt die Privatsphäre aber gewahrt", sagt Hausleiterin Perera. "Wer für sich sein möchte, macht einfach die Wohnungstür hinter sich zu."

Da Eigenständigkeit der Bewohner im Mittelpunkt steht, ist im Neunerhaus Hagenmüllergasse auch viel erlaubt, was in Obdachlosenheimen oft nicht gestattet ist: So dürfen Haustiere in der Wohnung gehalten werden, es gibt eigene, größere Wohneinheiten für Paare, Besuch von draußen und das Übernachten von Kindern ist erlaubt. Auch Alkoholkonsum ist kein Ausschlussgrund, denn: "Auch in dem Punkt sind die Bewohner selbstbestimmt", sagt Annerose Perera. "Wenn wir auf Alkoholsucht aufmerksam werden, geben wir den Betroffenen Anregungen - was die Person damit macht, muss sie selbst entscheiden."

Die Miete, oder das "Nutzungsentgelt", für die Wohnungen beträgt je nach Größe zwischen 293 für eine Einzel- und 335 Euro für eine Paarwohnung. Bei Zahlungsschwierigkeiten wird versucht, eine individuelle Lösung zu finden. Aber auch hier appelliert die Hausleiterin an die Eigenverantwortung der Übergangsmieter: "Die regelmäßige Zahlung ist schließlich eine wichtige Voraussetzung, um später wieder eine Wohnung erhalten zu können."