Wien. Yussuf beißt sich auf die Unterlippe und schaut angestrengt auf das Brett. Sein Läufer ist bedroht, er muss ihn wegziehen. Aber wohin? Der Junge kratzt sich am Kopf und beäugt seinen Gegner Patrick. Der, doppelt so groß und mindestens dreimal so alt wie Yussuf, versteckt sich hinter einer dunklen Sonnenbrille. Kein Wimpernzucken soll verraten, ob der Läufer noch zu retten ist.

Am Nebenbrett sitzt Alisa. Vier Jahre, rosa Kleidchen, ein Mausgesicht aufgemalt. Bevor sie zu den Schachtischen gekommen ist, hat sie bereits der Schminkstation einen Besuch abgestattet. Denn heute ist Hoffest in der Graf Starhemberggasse 40-42 im 4. Bezirk und das besteht nicht nur aus Bierbänken und Musik, sondern hat einiges mehr für die großen und kleinen Bewohner des Gemeindebaus zu bieten.

Schachtrainer Patrick Reinwald versucht, Alisa die Schachregeln zu erklären. Er stellt einen Springer in die Mitte des leeren Bretts und einen Bauern auf jedes Feld, auf das der Springer ziehen darf. Alisas Aufgabe ist es jetzt, mit dem Springer alle Bauern zu schlagen. Doch als sie gerade nach der Figur greifen will, kündigt der Moderator des Hoffests eine Sackhüpfralley an. Alisa springt auf und rennt auf die Wiese. Da muss sie natürlich auch dabei sein.

Ein Kopfspiel als
potenzieller Konfliktlöser


Sonst geht es allerdings viel leiser zu bei der "Nachbarschaftlichen Schachpartie". Dass heute gerade ein Hoffest stattfindet, ist die Ausnahme. Normalerweise kommt ein Mitarbeiter der Service-Einrichtung "wohnpartner" gemeinsam mit einem Schachtrainer, ein paar Heurigentischen und Schachbrettern in den Gemeindebau und bietet den Bewohnern zwei oder drei Stunden die Möglichkeit, Schach zu spielen, Schach zu lernen oder über Angelegenheiten zu sprechen, die das Haus betreffen. Die meisten Bewohner der Gemeindebauten schätzen dabei vor allem die Ruhe, die das Schachspiel verbreitet. Aber auch den Dialog, den es ermöglicht, indem es die Menschen gemeinsam an einen Tisch bringt. Es liegt nahe, dass zwei Menschen, die konzentriert über einem Schachbrett brüten, auch echte Probleme gemeinsam sachlich lösen können. Und dann ist es auch egal, aus welcher Kultur oder Generation die Beteiligten kommen - solange sich alle an dieselben Regeln halten.

Das Potenzial von Schach hat wohnpartner 2010 für sich entdeckt. Snejzana Calija ist Soziologin und arbeitet für die Einrichtung, die sich für ein gutes Zusammenleben in Wiens Gemeindebauten einsetzt und sich darum bemüht, Konflikte zu lösen und die Bedürfnisse aller Bewohner zu respektieren. Sie hat selbst als kleines Kind von ihrem Onkel das Schachspielen gelernt und bald die Wichtigkeit von Fairness und Respekt für Schach erkannt, wie sie sagt. Warum also nicht Schach dort einsetzen, wo Fairness und Respekt genauso gefragt sind: im Gemeindebau? Ihr Kollege Christian Srienz, ebenfalls Soziologe, aber auch Schachtrainer und selbst ein starker Schachspieler - er trägt den Titel eine FIDEMeisters - ist zunächst skeptisch. Aber die ersten Reaktionen der Mieter sind außerordentlich positiv. Mittlerweile sind fünf Jahre vergangen und die "Nachbarschaftliche Schachpartie" ist ein fixer Bestandteil der Arbeit von wohnpartner im Gemeindebau geworden. Fast in allen Bezirken wird "Schach im Gemeindebau" angeboten, insgesamt finden über 100 Termine statt, bei denen mehr als 2.000 Bewohner erreicht werden.