Wien. Geisterbahnen sind vor allem dadurch bekannt, Kindern einen Schauer über den Rücken laufen zu lassen. Der Autor dieser Zeilen beispielsweise hat sich in seiner Jugend nie in eine hineingetraut. Erwachsene hingegen lässt die Jahrmarktsattraktion meist eher kalt. Aber was, wenn es sich bei den Gestalten im Dunkeln nicht um Bettlakengespenster und Plastikskelette, sondern Engelbert Dollfuß, Bruno Kreisky und Kurt Waldheim handelt? Das könnte dem ein oder anderen die Haare zu Berge stehen lassen, dachte sich das Redaktionskollektiv "Malmoe" und organisierte im Rahmen der Wienwoche eine 160-sekündige Geisterbahnfahrt durch die österreichische Zeitgeschichte.

Wiedergängertum


Anstoß zur Idee war die jahrelange Debatte um ein österreichisches Nationalmuseum, das "Haus der Geschichte", das nun am Heldenplatz angesiedelt werden soll. "Da stellte sich uns die große Frage, wie in Österreich mit Geschichte umgegangen wird. Wer sind die Akteure, was wird in Szene gesetzt und worum macht man einen großen Bogen?", erklärt man seitens "Malmoe" im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Der als Gegenentwurf gedachte "Graus der Geschichte" soll eine ironische Kritik an der österreichischen Tendenz zur Geschichtsharmonisierung darstellen. Denn vor allem bei heiklen Themen der jüngeren Vergangenheit wie dem Austrofaschismus wird eher der Konsens gesucht. Beispielsweise bleibt das Dollfuß-Porträt im ÖVP-Klub hängen, wird aber mit einer kleinen Mahnplakette versehen. In der Hoffnung, dass alle mehr oder minder damit leben können.

Den Schauplatz "Geisterbahn" begründet "Malmoe" damit, dass es in der österreichischen Zeitgeschichte ein starkes Wiedergängertum gebe, "das schon fast zombiehafte Erscheinen von immer wieder denselben Themen und Personen". Zudem sei der Wiener Prater ein sehr symbolträchtiger Ort, "der vordergründig diesen starken Unterhaltungscharakter hat, historisch aber auch stark von Ausschlüssen wie den rassistischen ,Völkerschauen‘ geprägt ist". Der Betreiber der "Großen Geisterbahn", der ehemalige Theatermacher Hermann Molzer, stellte ihnen seine Attraktion für drei Tage als Ausstellungsort zur Verfügung.

Schaurige Köpfe


Im Zentrum des als Geschichtserlebnis konzipierten Projekts stehen keine langen Textpassagen, sondern Personen und Köpfe. Im Stil der betagten Geisterbahn sind die meisten Exemplare dieses Wiedergängerreigens der österreichischen Zeitgeschichte aus Pappmaché gefertigt. Was dabei heraussticht, ist ein rosa Pferd aus Schaumstoff, das auf den ersten Blick überhaupt nicht ins Bild passt. Daneben hängt das Porträt eines Mannes, der stark mit der Auseinandersetzung Österreichs mit der eigenen Vergangenheit verknüpft ist. Der Politiker Kurt Waldheim war erst Außenminister, von 1972 bis 1981 bekleidete er das Amt des UNO-Generalsekretärs. Als ihn die ÖVP 1985 als einen "Österreicher, dem die Welt vertraut" für das Amt des Bundespräsidenten nominierte, wurden für den Diplomaten unangenehme Vorwürfe laut. Erst wurde nur über eine Mitgliedschaft Waldheims bei der Reiter-SA gemunkelt, Berichte und Dokumente zu Waldheims Kriegsvergangenheit wurden infolge aber immer erdrückender. Diese Verdachte wurden anfangs von einigen Seiten zurückgewiesen. Auch die "Wiener Zeitung" verwies 1986 darauf, Waldheim sei von Staatspolizei, CIA und KGB oft genug auf seine Vergangenheit überprüft worden. Der spätere Bundespräsident leugnete zuerst seine Mitgliedschaft, später behauptete er, nichts von Kriegsverbrechen gewusst beziehungsweise sie vergessen zu haben.

Waldheim und sein Pferd


Anstatt Mitglied des SA-Reiterkorps gewesen zu sein, sei er dort nur ab und zu "mitgeritten". Der damalige SPÖ-Bundeskanzler Fred Sinowatz konterte daraufhin zynisch: "Nehmen wir also zur Kenntnis, dass nicht Waldheim bei der SA war, sondern nur sein Pferd." Der rosa Schaumstoffgaul in der Geisterbahn bezieht sich auf diesen Ausspruch.

Die "Waldheim-Affäre" war noch lange nach dem Ende seiner Präsidentschaft 1992 Gesprächsthema und bewirkte ein Umdenken im Umgang Österreichs mit seiner Vergangenheit. Wurde ab 1992 begonnen, vertriebene Juden und Zwangsarbeiter zu entschädigen, startete 2001 die Restitution. Neben enteigneten und geraubten Vermögenswerten kamen viele Kunstwerke zurück zu ihren rechtmäßigen Besitzern, unter anderem Gustav Klimts "Goldene Adele".

Unter den Stimmen, die Waldheim gegen die damals noch als "Verleumdungskampagne" bezeichneten Vorwürfe verteidigten, war auch Altbundeskanzler Bruno Kreisky. Selbst vor Politikonen wie ihm macht die zeitgeschichtliche Geisterbahn nicht halt. Von der Sozialdemokratie oft als Ausnahmepolitiker gefeiert, lieferte er sich nach den Nationalratswahlen 1975 einen öffentlichen Streit mit Simon Wiesenthal. Der als "Nazi-Jäger" bekannte Publizist hatte Dokumente veröffentlicht, die die SS-Vergangenheit des damaligen FPÖ-Vorsitzenden Friedrich Peter belegten. Kreisky sprang für Peter öffentlich in die Bresche und verteidigte ihn. Immerhin hatte die FPÖ schon früher eine Minderheitsregierung der SPÖ unter Kreisky geduldet. Kreisky wäre auch auf eine SPÖ-FPÖ-Koalition vorbereitet gewesen, hätte er bei den Wahlen die Absolute verpasst. Ein "Anpatzen" Friedrich Peter durch Wiesenthal schien für den Kanzler inakzeptabel.