Wien. "Es darf nicht vergessen werden, dass auch die Geschichten der Verfolgten Teil der österreichischen Gesellschaft sind." Seitens der "Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück und FreundInnen" betont man, dass selbst in einem kritischen Erinnerungsdiskurs oft der Bezug auf eine Mehrheitsgesellschaft genommen wird - Menschen mit Verfolgungshintergrund bleiben oft unsichtbar. Einige von ihnen erzählen am Sonntag in der Diskussionsveranstaltung "Was hast du mitbekommen?" im Zuge der Wienwoche darüber, wie die NS-Vergangenheit sie seit der Kindheit geprägt hat. Alle Besucher sind eingeladen, im Rahmen von Tischgesprächen darüber zu sprechen, was sie selbst mitbekommen haben.

Ein Leben lang unter Generalverdacht


Rosa Gitta Martls Mutter überlebte das KZ Ravensbrück, fast alle Mitglieder der knapp 300 Personen großen Sintifamilie wurden von den Nazis ermordet. Die Kindheit in Linz war bis auf gelegentliche Beschimpfungen "friedlich", erinnert sie sich. In der Hauptschule bekam sie die auch nach dem Krieg andauernde Diskriminierung der Roma und Sinti mit voller Härte zu spüren. Der Vater verkaufte Stoffe an Bauern auf dem Land, um die Familie zu ernähren, als Sinto wurde ihm jedoch der Gewerbeschein verwehrt. Einmal stand er wegen unerlaubten Hausierens in der Zeitung. "Die Direktorin meinte, dass sich einige Eltern aufgeregt hätten und dass so ein Kind wie ich, dessen Vater so etwas macht, hier nicht zur Schule gehen darf. Ich habe damals furchtbar geheult", erinnert sie sich. Als Sintiza stand sie ihr Leben lang unter Generalverdacht.

Einmal fehlte in der Arbeit Geld und die gelernte Köchin wurde hinter ihrem Rücken von den Kollegen als Diebin gebrandmarkt. Auch die Polizei agierte willkürlich, zweimal wurde sie eingesperrt, ohne je etwas getan zu haben.

Vladimir Wakounigs Familienleben war eines "zwischen den Fronten", wie der Kärntner Slowene der "Wiener Zeitung" erzählt. Der Vater war Wehrmachtssoldat, die Mutter unterstützte Partisanengruppen. Deshalb wurde sie 1945 für sechs Wochen verhaftet, kam aber wieder frei. All das erfuhr er erst viel später von seinem Vater. Sein Onkel wurde zur SS zwangsrekrutiert, kam zum Todeskommando ins KZ Bergen-Belsen. Vier Jahre nach Kriegsende starb er an Krebs. "Der Auslöser war wahrscheinlich die Nichtverarbeitung der schrecklichen Dinge, die er dort erlebt hatte", ist sich Wakounig sicher.