"Habe mir andere
Eltern gewünscht"


Udo Sürers Vater war wie allen SS-Soldaten die Blutgruppe auf den Arm tätowiert, um im Verletzungsfall eine schnellere Versorgung zu ermöglichen. Als Kind hielt Sürer die nationalsozialistische Vergangenheit seiner Eltern für selbstverständlich, wie er der "Wiener Zeitung" erzählt. "Bei Freunden und anderen Familien habe ich dann gesehen, dass es anders zugeht - und je länger, desto mehr habe ich mir gewünscht, andere Eltern zu haben", erinnert er sich.

Mit neunzehn verließ er Lindau, und kam erst vierzehn Jahre später als selbständiger Anwalt zurück, spezialisierte sich auf Asylrecht. Das Verhältnis zu seinen Eltern hatte sich mit der Zeit entspannt. "Aber die Vergangenheit war ein wunder Punkt, den man nicht berühren darf", erklärt Sürer. Als er die Mutter, die in den Dreißigern in München gelebt hatte, einmal vorsichtig nach der Pogromnacht 1938 fragte, brach sie in Tränen aus und meinte: "Lass mich in Ruhe damit." "Sie glaubte bis zum Schluss fest daran, dass ihr Mann an keinen Kriegsverbrechen beteiligt war - wie man auch nicht anders erwarten kann."

Ihre lebenslangen Erfahrungen brachten Rosa Gitta Martl dazu, 1998 mit ihren Bruder Albert Kugler den Verein "Ketani" zu gründen - das Wort bedeutet in der Sprache der Roma "Miteinander". So schuf sie eine Anlaufstelle für alle Roma und Sinti. "Wir haben vieles geschafft. Beispielsweise war es Roma früher überall verboten, auf der Durchreise stehen zu bleiben", erzählt sie.

2009, als Linz Kulturhauptstadt wurde, wurde am Pichlingersee ein Campingplatz geschaffen, auf dem Roma gegen Entgelt rasten durften. Besonders stolz ist Martl darauf, das sie nach über zehn Jahren gemeinsam mit ihrer Tochter Nicole Sevik eine Traumaberatung für Naziopfer der zweiten und dritten Generation erwirken konnte.

"Diese Partisanen haben nach dem Krieg keinerlei Wertschätzung oder Anerkennung bekommen. Das hat das Schweigen gefestigt", erklärt Vladimir Wakounig. Als Erziehungswissenschaftler an der Universität Klagenfurt versucht er nicht nur im Unterricht, Wertschätzung für den Partisanenkampf zu fordern. Mit seinem Kollegen Peter Gstettner hat er die Errichtung einer Gedenkstätte beim ehemaligen Kärnter KZ Loibl Nord erwirkt. "Man muss das Schweigen brechen, sonst kann nie Gerechtigkeit zwischen den Generationen hergestellt werden", meint Wakounig.

Nach vielen Italienreisen begann Udo Sürer 2002 mit der Aufarbeitung seiner Familienvergangenheit. Dazu gehörte auch das Massaker von Fivizzano, an dem die Einheit seines Vaters beteiligt war. Für sein Engagement hat die toskanische Kleinstadt Sürer zum Ehrenbürger ernannt. Er erzählt auch offen über seine Geschichte, um die Leute dazu anzuregen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. "Sonst können wir keine Konsequenzen für heute daraus ziehen", ist er überzeugt. "Mir war es auch ein Bedürfnis, das nicht in mir zu verschließen. Und es hinterlässt einen größeren Eindruck, wenn ich Geschichte über ein persönliches Schicksal erzähle."