Wien. "Ich bin traurig", sagt ein junger Mann und seine Augen unterstreichen das Gesagte. Der Jugendliche ist aus Afghanistan geflüchtet und hat sich inzwischen in Wien gut eingelebt. Das Projekt Schule für Alle (Prosa) hilft ihm, Schulbildung nachzuholen. Gemeinsam mit anderen Jugendlichen verschiedenster Herkunft sitzt er an diesem Nachmittag in einem Klassenraum des Gymnasiums Rahlgasse im 6. Bezirk. Statt Deutsch, das alle bereits gut beherrschen, steht Spielen auf dem Programm. Die Künstlerin Nina Prader ist mit ihrem Projektteam zu Besuch: Mit MemoryGames schlagen die Künstlerinnen, Wissenschafterinnen, Therapeutinnen die Brücke von der Erinnerung an die NS-Zeit zu den Fluchtbewegungen von heute.

28 Karten liegen vor den Jugendlichen. Zuvor wurden sie in Kleingruppen aufgeteilt, Mitglieder des Projektteams spielen mit. Die Rückseiten der Karten würden, richtig zusammengesetzt, die Ansicht des von den Nationalsozialisten zerstörten Leopoldstädter Tempels ergeben. Es geht aber nicht darum, hier ein Puzzle zu legen. Im Mittelpunkt stehen die von Prader mit Wasserfarben gestalteten Sujets auf den Vorderseiten der Karten. Jeder Mitspieler deckt zwei Karten auf: Das, was er zu erkennen glaubt, soll er benennen und in einen Zusammenhang bringen. Gefragt wird dabei nach Assoziationen mit der NS-Zeit einerseits und dem Heute andererseits. "Was ist das?", fragt ein Bursche etwas ratlos. Seine rechte Hand schiebt zuerst die eine Karte hin und her, dann die andere. Zu sehen sind ein länglicher roter Fleck auf der einen, ein graues Dreieck auf der anderen Karte. Sein Klassenkollege gibt Stichworte, auch die Therapeutin hilft. Der rote Fleck könnte Blut sein. Das Dreieck ein Dach - ein Haus. Rasch ist eine Verbindung gefunden. Wer vor einem Krieg fliehen muss, hat keine feste Bleibe. Nacheinander werden die verschiedensten Motive besprochen: manche sind eindeutig zu erkennen - ein roter Kinderschuh etwa, ein Zweig, ein Koffer. Andere lassen erst im Auge des Betrachters ein Bild entstehen: Soll die braune Linie, die flach beginnt, eine Wölbung macht, dann wieder abflacht, eine Brücke sein, wie einer der Mitspieler vorschlägt? Oder doch ein Massengrab andeuten? Je nach Interpretation verändern sich die Geschichten. Je nachdem, wie sehr der einzelne Mitspieler nur historisches Wissen oder eigene Erlebnisse mit einbringt, wird das Gesagte mehr oder weniger emotional und persönlich.

"Ich bin traurig", sagt der Bursche aus Afghanistan bei diesem Spiel nicht nur einmal. Während die beiden anderen jungen Männer, sie stammen aus Somalia und Nigeria, auf einer sehr sachlichen Ebene bleiben, meint er zwischendrin: "Das habe ich selbst erlebt", und blickt auf seine Hände. Mehr will er nicht erzählen. Später, als die Karte mit dem Koffer aufgedeckt wird, berichtet er, dass er in den Tagen zuvor nach Röszke gefahren ist, um zu helfen. Dass ihm da vieles bekannt vorgekommen sei. Dass er den Flüchtlingen sagen möchte: "Ihr braucht keinen Koffer schleppen. Das belastet euch nur. Alles, was ihr braucht, an Kleidung, an Dingen, das bekommt ihr dann hier, in Österreich." Der Jugendliche aus Nigeria stimmt ihm zu. Er hat zuvor eine Karte mit einem Tisch aufgedeckt: Wortreich erklärt er, wie wichtig es ist, Menschen um einen Tisch zu versammeln, um Kriege zu vermeiden und zu verhindern. Und dann kommt doch kurz etwas Persönliches durch: Er verstehe nicht, warum viele Österreicher Schwarzen gegenüber so ablehnend seien. Man müsse doch nur miteinander sprechen, um draufzukommen, dass alle Menschen und einander gar nicht so unähnlich seien.