Keine abgeschlossene Geschichte


An diesem Nachmittag war Nationalsozialismus das Thema, aber auch vor allem aber auch die aktuelle Flüchtlingsfrage. Vor etwa einem Jahr, im Rahmen von "The Vienna Project", einer Erinnerungsinitiative, hat Nina Prader ihre MemoryGames zum ersten Mal eingesetzt. Die Idee kam ihr nach dem Tod ihres Großvaters mütterlicherseits. Dieser hatte die NS-Zeit als Jude mit rumänischem Pass in Wien als U-Boot überlebt. Sie sei also "dritte Generation und in meinem damaligen Umfeld habe ich gemerkt, da ist kein Raum mehr, über diese Zeit zu sprechen". Da habe sich ihr dann die Frage gestellt, "ob ich seine Geschichte weitertragen möchte und wenn ja wie". Prader ist in Washington groß geworden, hat in Boston Bildende Kunst studiert. An der Akademie der Bildenden Künste in Wien absolvierte sie im Anschluss einen Master in Critical Studies. "Und seitdem ich in Wien lebe, weiß ich, dass ich hier einfach Stellung beziehen muss." So entstand das Projekt MemoryGames, das für die Künstlerin inzwischen ein Work in Progress ist.

Die Motive hat sie bewusst so gestaltet, "dass sie sich wie ein Rohrschach-Test lesen: Jeder sieht etwas anderes." Wie sehr das Spiel an Dynamik gewinnt, hängt davon ab, wie sehr sich der Einzelne einbringt. Die Karten dienen als "Gedächtniswerkzeug", als Stichwortgeber. Inzwischen hat die Künstlerin den Kartensatz leicht verändert und die Spielvorgaben adaptiert. Nun sollen die Spielteilnehmer nicht nur ihre Assoziationen zwischen Kartenmotiven und NS-Zeit formulieren, sondern eben auch den Bogen ins Heute spannen. Die Jugendlichen, die im Rahmen von Prosa unterrichtet werden, waren die Ersten, welche die Neuauflage der MemoryGames spielten. Im Rahmen der Wienwoche gibt es bis 2. Oktober die Möglichkeit, das Spiel im Rahmen von Workshops im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) selbst kennenzulernen. Wie aktuell das Thema werden würde, war bei der Konzeption noch nicht abzusehen, so Prader. "Es zeigt aber eben auch, dass Geschichte nie abgeschlossen ist."

Die Fernsehbilder von flüchtenden Menschen, mit denen jeder aktuell konfrontiert sei, die Flüchtlinge auf Bahnhöfen, denen man selbst begegne: Das könnte zwar dazu führen, dass man sich die Sinnhaftigkeit von Projekten wie der MemoryGames überlege, räumt Prader ein. Sie selbst tue das aber nicht. "Man darf nicht aufhören, Gespräche zu führen, Bewusstseinsarbeit zu leisten. Ich bin immer für das hoffnungsvoll sein. Für das Fragen stellen. Für das im Gespräch bleiben." Ihre Wunschvorstellung sei, "dass Geschichte lebt".