Wien. Die Heiligenstädter Straße ist einer jener seltenen Orte in Döbling, wo sie dann doch zusammentreffen. Die Vertreter von beiden Seiten des Arm-und-Reich-Gefälles im 19. Bezirk. Mit ihren Autos stehen sie hinter- und nebeneinander, wenn es sich auf der Hauptstraße wieder einmal staut. Die frisch polierten SUVs und Sportwagen von den Bezirksbewohnern aus den höher gelegenen Gegenden wie Grinzing oder Nussdorf und die abgenutzten, gebrauchten Autos der Menschen aus den Gemeindebauten in Heiligenstadt. Es sind nur ein paar Augenblicke, bis sich ihre Wege trennen und sie wieder in ihre eigenen Welten abtauchen. Die einen zum Businessmeeting, ins Anwaltsbüro oder in den Beautysalon, die anderen in die Fabrik, auf den Bau oder zum AMS.

Dass in Österreich die ungleiche Vermögensverteilung im europäischen Vergleich sehr hoch ist, bestätigte zuletzt auch der Allianz-Vermögensbericht. In kaum einen anderen Bezirk in Wien ist das Ausmaß dieser Tatsache so sichtbar wie in Döbling.

Als beste Lagen der Stadt preisen Immobilienmakler die Viertel in Grinzing und Sievering an. Hier wohnen die Reichen der Reichen auf den sonnigen, sanft ansteigenden Ausläufern der Alpen. Selfmade-Millionäre, Ich-AGs und Erben, die ihr Geld verwalten. Preise für Immobilien jenseits der Marke 10.000 Euro pro Quadratmeter sind in der Gegend keine Seltenheit.

Die Käufer scheint dies nicht abzuschrecken, die Nachfrage wächst stetig. Ähnliche Nobellagen im 13. oder 18. Bezirk hat der 19. Bezirk in den vergangenen Jahren sogar abgehängt. Nur im 1. Bezirk in der Nähe der Oper oder beim Graben ist es noch teurer. Kaasgrabengasse, Bellevue- und Himmelstraße heißen einige der begehrten Plätze in Döbling. Wer hier wohnt, zählt zu den oberen 10.000. Frei von finanziellen Zwängen trifft man sich beim Nobelheurigen, schwenkt sein Glas Prosecco bei Ausstellungseröffnungen oder blickt von einem der zahlreichen Aussichtspunkte vorbei an den blau schimmernden Swimmingpools hinab ins Tal.

Prickelnd und ziemlich oasch

Dorthin, wo sich der Bezirksteil Heiligenstadt mit seinen dicht aneinander gereihten Gemeindebauten befindet. Hier in den Ebenen von Döbling wohnen vor allem jene, die sich die Lage ihrer Wohnung nicht aussuchen können. Familien, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, Mindestlohnbezieher, Prekärbeschäftigte und Arbeiter. Würstelstände, Kebapbuden, schwer verrauchte Cafés und Wettlokale zählen zu ihren Treffpunkten. Während der Grinzinger oder Sieveringer von seinem "prickelnden" Leben erzählt, ist es für den Heiligenstädter meistens ziemlich "oasch". "Die Ausländerkinder sind zu laut und machen alles schmutzig", heißt es da, oder "die Hunde der Österreicher scheißen überall hin und fallen die Kinder an". In einigen Gemeindebaustiegen sind gewaltlose Tage die Ausnahme.

Auch wenn der ärmere Teil Döblings nur ein paar Gehminuten vom wohlhabenden Teil entfernt liegt, so trennen sie doch Welten. "Nein mit denen haben wir nichts zu tun", heißt es unisono von beiden Seiten. Dass sie sich fremd sind, verwundert nicht. Weder auf dem Hof im Gemeindebau oder beim Wirt ums Eck noch bei der Verkostung des jüngsten Wein-Jahrgangs oder in der Galerie werden sie sich begegnen.

Der große Graben zwischen den beiden Milieus ist tief verwurzelt in der Geschichte des Bezirks. In der Zwischenkriegszeit wurde Döbling sogar zum Hauptschauplatz der Auseinandersetzungen zwischen den bürgerlichen Christlich-Sozialen (Vorgängerpartei der ÖVP) und der Arbeiterpartei SPÖ in Wien. Ausgangspunkt war die Machtübernahme der SPÖ nach dem Ersten Weltkrieg in der Bundeshauptstadt. Kurz darauf ließ die Partei, so wie auch in anderen Stadtteilen, eine Reihe von Gemeindebauten in dem bis dahin bürgerlichen Bezirk errichten. Darunter den ein Kilometer langen Gemeindebau Karl-Marx-Hof, das Vorzeigeprojekt der roten Wohnpolitik. Für die bürgerlichen Döblinger kam dies einer Provokation gleich. Nicht nur, dass vor ihrer Haustüre Arbeiter angesiedelt wurden und das Prestigeprojekt der SPÖ nun ausgerechnet in Döbling stand, mussten sie auch noch finanziell dafür aufkommen. Denn das Geld für die Finanzierung der Gemeindebauten holte sich die SPÖ von den Bürgerlichen durch die Einführung von Luxussteuern.

Gemeindebau unter Feuer

Wenige Jahre später ließen diese ihrem Zorn freien Lauf. Unter dem Kommando der Christlich-Sozialen stehend, beschoss das österreichische Bundesheer im Februar 1934 den Karl-Marx-Hof mit Maschinengewehren und Artillerie. Vier Tage lang dauerte der Kampf um den Gemeindebau, bevor sich die Arbeiter ergaben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Duell zwischen Arbeitern und Bürgerlichen an den Urnen weitergeführt. 33 Jahre lang stellte die SPÖ den Bezirksvorsteher bis 1978 die ÖVP unter Adolf Tiller die Wahlen gewinnen konnte. Der heute 75-Jährige ist nach wie vor im Amt und wird sich auch der Wahl am 11. Oktober stellen. Zuletzt gewann er 2010 mit 36,38 Prozent vor der SPÖ (31,82 Prozent). Die FPÖ (14,66 Prozent) wurde Dritter, die Grünen (13,61 Prozent) belegten den vierten Platz. Die Gemeinderatswahlen 2010 konnte übrigens die SPÖ für sich entscheiden.