Wien. "Denk dir einen Menschen mit fröhlichem, gesundem Gesicht; äußerst schlicht angezogen, einen abgeschabten Filz auf dem Kopfe, sorglosen Herzens, voll Mutterwitz und eine Peitsche in der Hand - da hast du einen Wiener Fiaker." So beschrieb 1836 der Berliner Journalist und Satiriker Adolf Glaßbrenner die Wiener Kutscher in seinem Werk "Bilder und Träume aus Wien". Noch heute gehören die Fiaker als Wiener Originale zum Stadtbild wie der Stephansdom und das Riesenrad. Sie zählen zu den letzten "Wiener Typen", die sich über die Jahrhunderte gehalten haben.

Als städtisches Transportmittel haben die Fiaker längst ausgedient: Heute werden die Kutschen fast nur mehr für touristische Stadtrundfahrten oder besondere Anlässe wie Hochzeiten oder Firmungen gebucht. "Zurzeit gibt es 28 Fiakerunternehmen mit 170 Konzessionen, die alle von Familien geführt werden", sagt Martina Michelfeit, Branchensprecherin der Wiener Fiaker und selbst Fiakerunternehmerin.

58 Gespanne mit 116 Pferden dürfen täglich an den fünf Standplätzen in der Wiener Innenstadt auffahren. Einsteigen kann man am Stephans- und Michaelerplatz, am Petersplatz, bei der Albertina oder am Burgring. 55 Euro kostet derzeit die 20-minütige Rundfahrt, 80 Euro die 40-minütige. "Das Stammplatzgeschäft ist ein spontanes Lustgeschäft wie der Stehplatzverkauf im Theater", sagt Michelfeit. "Im Vergleich zu einer gebuchten, teureren Fahrt ist es damit jedem möglich, zu einem relativ günstigen Preis Fiaker zu fahren."

In Film, Theater und Kaffeehaus

Nicht nur im Verkehrs-, auch im Wiener Kulturleben sind die Fiaker fest verankert: Im Wienerlied werden sie häufig besungen, in Oper und Operette kommen die "Fiakermilli" und der in tiefstem Wienerisch schimpfende Kutscher vor. In der Veronikagasse in Hernals befindet sich das ehemalige "Fiakerhaus", das heute das Fiakermuseum beherbergt. Am Fiakerplatz in Erdberg zeugt die Statue des mit Hut grüßenden Kutschers vom "Fiakerdörfel", in dem einst viele Fiaker wohnten. Bestellt man im Kaffeehaus einen Fiaker, bekommt man einen großen Mokka im Glas mit Schlagobers, Kirschwasser oder Rum. Und wer erinnert sich nicht an Hans Moser als grantelnder Fiakerkutscher Leopold im Schwarz-Weiß-Film "Hallo Taxi".

Fiaker sein, das ist Berufung, sagt Martina Michelfeit: "Wegen des Geldes macht man das nicht - es ist ein Liebhaberberuf, bei dem die Zufriedenheit, die man bei der Arbeit mit den Pferden empfindet, im Vordergrund steht." Wer einmal Fiaker ist, bleibe es meist sein ganzes Leben. Entspricht der Fiaker heute noch dem Rollenbild der "Wiener Typen" von damals? "Sie sind braver geworden, aber sonst ja. Der Wiener Schmäh und das Schimpfen, immer mit einem Augenzwinkern, gehören noch genauso dazu wie früher."

Trugen die Kutscher damals Spitznamen wie Hungerl, Nockerl oder der "Rote mit der Fliag’n", so heißen sie heute "Banana", "Herr Baron" oder "Herr Magister". Und sie pflegen noch das Wienerische.

Auch die Kleidung mitsamt dem "Stößer" oder der Melone orientiert sich am urwienerischen Vorbild: Ein Fiaker trägt einen Anzug, früher den Esterhazyanzug, an heißen Sommertagen darf er im Gilet fahren. Zur perfekten "Visitenkarte" gehören zudem Hemd, Krawatte oder Mascherl und die Melone, komplettiert durch Budapester Schuhe oder schwarze Fahrstiefletten, in Ausnahmefällen gepflegte schwarze oder dunkelbraune Schuhe.

Die Vorgaben sind in der Wiener "Betriebsordnung für Fiaker und Pferdemietwagenunternehmen" geregelt, Freizeitkleidung wie Jeans und Turnschuhe ist nicht gestattet. "Das Gesamtoutfit darf auch keineswegs schrill sein", betont ein Fiaker. "Man muss ja bedenken, dass unsere Kutschen manchmal weit über hundert Jahre alt und per se schon eine Attraktion sind. Da ist der Fiaker, der die Kutsche lenkt, wenn man so will, das Schlagobershäubchen."

Strizzis
und Mizzis

Dass Fiaker früher oft richtige "Strizzis" waren, bestätigt die ehemalige Fiakerin Juliane Trestl: "Früher galt unter den Fiakern noch das Faustrecht. Da herrschte mitunter ein rauer Ton - aber man half dennoch zusammen." 35 Jahre war Trestl als eine der ersten Frauen als Kutscherin und Fiakerunternehmerin unterwegs. Nach dem Tod ihres Mannes führte sie, wie manch andere Fiakerwitwe, den Betrieb in der Lessinggasse alleine weiter.

"Mein Mann und ich waren Kutscher, Unternehmer und Stallbursche in einer Person. Um fünf Uhr Früh ging es schon ans Pferdewaschen. Ich habe lieber im Stall als in der Wohnung zusammengeräumt", erzählt sie. Und auch in der Nachbarschaft seien die Pferde überall bekannt und beliebt gewesen. "Als mir mal eines beim Duschen abgepascht ist, hat mich gleich ein Standler vom Volkertmarkt angerufen, dass es gerade seine Äpfel frisst. Und wenn ich frühmorgens den Landauer anspannte, wusste der Nachbar im Nebenhaus: ,Ah, es ist halb sechs! Meine Zeit zum Aufstehen!"