Wien. Fremde Traditionen werden hierzulande nie gerne hochgehalten. Vor allem beim amerikanischen Brauchtum will der Österreicher sein kulturelles Territorium möglichst rasch abgesteckt wissen. Zu kommerziell, zu kitschig, zu geistlos seien sie doch all diese amerikanischen Feste, auch wenn sie ihren Ursprung im kultivierten Europa haben. 

Zu schierer Geschäftemacherei, materialistischem Klimbim und glitzernder Massenverblödung sind sie dort drüben, über dem Atlantik, verkommen. Kaum wiederzuerkennen. Im Prater sieht man das nicht so streng. Im Gegenteil, man zeigt sich erfreut über geistlosen, kommerziellen Kitsch. Mehr noch: Man verlangt danach. Scheint er doch das Einzige zu sein, das eine abgebrühte Jugend noch auf den Rummelplatz lockt.

Aus diesem Grund putzt sich der Prater diesen Freitag und Samstag auch heraus. Es ist Halloween. Zum zweiten Mal ergibt sich der Prater zwei Tage lang ganz und gar der amerikanischen Gruselfolklore - inklusive Party, Parade verkleideter Männer und Frauen, die als Zombies, Skelette und psychotische Clowns durch den Prater spuken, und einer "schwarzen Kaiserin", die zum "Burning Calafati", dem Verbrennen einer riesigen Strohstatue, am Calafati-Platz einlädt.

Kristof Brantusa ist dankbar für dieses Halloween. Rettet er dem 28-jährigen Unternehmer doch das Geschäft. "Normalerweise ist im Oktober tote Hose im Prater", erzählt er. Brantusas Familie zählt zu den berühmten Familiendynastien im Prater. Sie sind mitgewachsen mit dem Prater, von Generation zu Generation, von Trend zu Trend, von Ringelspiel zu Achterbahn. Heute gehören Brantusas Familie zehn Betriebe im Prater, darunter die neueste Geisterbahn "Hotel Psycho." Vor zwei Jahren haben sie das begehbare Geisterhaus vom Vorbesitzer übernommen. Attraktiv war das schon lange nicht mehr. Mit dem neuen "Hotel Psycho" soll sich das ändern. Allein die Fassade erinnert an die Kulisse moderner Horrorfilme.

"Die anderen Geisterbahnen sind alle kindlicher", sagt Brantusa und lächelt. Kindlich ist das Hotel Psycho nicht. Es ist beklemmend, beängstigend, gar brutal, wenn sich die Türen zur Geisterbahn öffnen und sich die Welt rundherum verfinstert. Hier warten keine süßen Märchen mit niedlichen Zwergen und Trollen, sondern viel mehr menschenähnliche Marionetten, denen die Haut vom Körper hängt, die als Zombies durch Bilderrahmen und Spiegel spuken oder auf einem elektrischen Stuhl gegrillt werden, während man im Zweisitzer an ihnen vorbeifährt. Viel Blut spritzt hier, auch schon einmal via Sprühregen als Special Effekt ins Gesicht.

Alice Kolnhofer ist das zu brutal. "Dann kann ich nicht schlafen bei so was", erzählt die 61-Jährige und schüttelt sich. Sie mag es etwas beschaulicher. Kolnhofer ist die Eigentümerin der ältesten Geisterbahn im Prater, dem Geisterschloss. Gemeinhin wird sie die "Geisterbahn mit dem Affn", genannt. Sieben Wägen tuckern hier durch eine zweistöckige Anlage. Hier spritzt keiner Wasser und gibt es für Blut aus, dafür hängt einem das eine oder andere fiese Spinnennetz schon einmal im Gesicht, begleitet von schrillen Kinderschreien. Beklemmend ist es auch hier allemal.

Heute sind die Leute zu abgebrüht für den Spuk


Auch Alice Kolnhofer gehört einer Praterdynastie an. Ihr Großvater, ein gelernter Fleischhauer, hat das Geisterschloss eigenhändig mit seinen drei Söhnen gebaut. Damals war es noch eine "Geistermühle." Als Kind ist Kolnhofer gerne zur Geisterbahn gegangen. Nicht wegen der Knochenmänner, der kunstvollen Grotte oder dem kleinen mechanischen Affen mit den riesigen Ohren, der seinen Hut mit der Hand vom Kopf nehmen konnte. Sie kam wegen einer Angestellten, einer schönen Blondine mit hohen Stöckelschuhen. Als Sechsjährige durfte sich Kolnhofer immer ihre Schuhe ausborgen und ist damit dann im Prater herumstolziert. "Damals war ich noch ein Kind. Das war, bevor ich gearbeitet habe", erzählt sie.

Schon mit acht Jahren hat Kolnhofer im elterlichen Betrieb mitgeholfen, hat Tickets verkauft und beim Ringelspiel darauf geachtet, dass alle Kinder auf ihren Plätzen sitzen. "Ich habe Kinder gehasst", gesteht sie. Immer wieder haben ihre Altersgenossen die Plätze gewechselt und Kolnhofer um ihr Geld gebracht. Wenn ein Kind in ihrem Sektor gefehlt hat, musste sie die 2 Schilling aus eigener Tasche zahlen. Daran erinnert sie sich bis heute. Kolnhofer ist aufgewachsen im Prater. Hier hat sie ihren Ehemann kennengelernt, hier ihre zwei Töchter großgezogen. Auch sie arbeiten im Prater.

Viel hat sich für Kolnhofer in den vergangenen Jahren verändert. Das Geschäft wurde immer härter. "Ich erwarte mir wegen Halloween jetzt keine Hochhäuser", sagt sie. Die meisten würden sich ohnehin nur betrinken und Party machen. In die Geisterbahn würden sich die wenigsten an diesem Tag verirren.

Immer weniger wollen sich eine Fahrt lang für 3,50 Euro im Geisterschloss unterhalten lassen. Hie und da kommen vielleicht ein paar Schülergruppen aus Italien, Kinder, die eine Fahrt in der Dunkelheit als Initiationsritus in die farblose Erwachsenenwelt begreifen, und Paare, die noch einen Grund brauchen, sich im engen Zweisitzer wieder aneinanderklammern zu dürfen. "Früher waren die Leute dankbarer. Sie sind nicht so abgebrüht gewesen. Heute schauen sich die Kinder den größten Horror am Computer an und denken sich, haha, sehr witzig", erzählt Kolnhofer. Vor 38 Jahren hat sie die Geisterbahn von ihrem Onkel übernommen. Die Liebe zum Detail hatte dieser nicht. Stück für Stück hat sie das heruntergekommene Geisterschloss renoviert und restauriert. Den sprechenden Gorilla am Eingang hat sie vor 25 Jahren beim Oktoberfest mit ihrem Mann entdeckt und für Wien nachbauen lassen. Seither ist er das Maskottchen der Geisterbahn, vor dem sich heute dickliche Männer in Bodybuilderpose ablichten lassen.

In Pension gehen normale Leute, keine Schausteller


Kolnhofer versuchte den Trends zu trotzen, der Abgebrühtheit, dem Verlangen nach immer mehr und lauteren Knalleffekten. Sie wollte die Tradition wahren.

"Jetzt sind die Leute zufrieden. Da bin ich schon sehr beruhigt"; sagt sie. Es wird das letzte Jahr sein, in dem sie als Chefin ihrer drei Betriebe - dem Geisterschloss, Extasy und SpeedFire - sieben Tage pro Woche, 12 Monate im Jahr ihre Runden dreht. Nächstes Jahr sollen ihre zwei Töchter die drei Betriebe übernehmen.

Aus dem Hintergrund will Kolnhofer immer noch werken. Schließlich lebt sie als eine von rund 50 Menschen im Prater. Und in Pension gehen Schausteller nun einmal nicht. Das ist etwas für normale Leute. Hier im Prater machen sie weiter, solange sich das Karussell noch dreht. Bis zur letzten Fahrt. Bis zur letzten Runde. Bis zum letzten Schrei in der Geisterbahn.