Wien. Für viele Eltern ist er der personifizierte Alptraum. Misstrauisch lassen sie ihn nicht aus den Augen, während er dem halbwüchsigen Sohn oder der Tochter seine E-Gitarren vorführt. Er ist der Dealer, der ihr Kind anfixt, um sie in die Abgründe des Musikerdaseins zu führen. "Stratocaster, Les Paul, Hagstrom Retroscape, nur beste Ware", flüstert er dem begeisterten Jugendlichen zu und dreht die Lautstärke des Verstärkers hoch. Der von Mutter und Vater geschmiedete Lebensentwurf für den Nachwuchs löst sich in diesem Moment in Luft auf. Vorbei der Anspruch auf gute Schulnoten, einer erfolgreichen Matura und einem geregelten Arbeitsleben.

Von nun an sind es drei hintereinander gereihte kurze Sätze, mit denen der Spross sein unbedingtes Lebensziel ausdrückt: "Ich will Musiker werden. Ich will eine Band gründen. Ich will eine Gitarre haben." Die Eltern haben damit als Vorbilder endgültig ausgedient. An ihrer Stelle treten Menschen aus Radio, Fernsehen und YouTube, die das süße Leben des Rock and Roll verkörpern.

Wolfgang Handl, kurz rasiertes Haar, blaues T-Shirt und schwarze schlabbrige Jeans, führt in einen schallgeschützten Raum mit dutzenden E-Gitarren. In Reih und Glied stehen die strombetriebenen Sechssaiter auf Regalen oder baumeln an Haken entlang der Wand. Der Geschäftsführer der E-Gitarrenabteilung und Mitinhaber der Klangfarbe schnappt sich eine eigelbe Gibson, spielt ein paar Töne und stellt sie wieder zurück. "Viele Eltern sind auf uns schon angefressen, noch bevor sie mit dem Junior überhaupt im Geschäft stehen", sagt er. "Sie können uns von vornherein nicht leiden." Und, wenn sich der Nachwuchs dann durchsetzt und die Gitarre gekauft wird, müssen Vater und Mutter auch noch ihr Geld bei ihm liegen lassen. "Du spürst sofort, dass sie dich hassen", sagt der E-Gitarrenhändler.

Blühender Schmuggel
mit Musikinstrumenten

Seit 30 Jahren gibt es in Wien die Klangfarbe. Am Samstag feiert der Laden sein Jubiläum. Er ist Wiens Flaggschiff für Musikinstrumente und Zubehör. An keinem anderen Ort in der Stadt ist die Auswahl größer als hier. Die Klangfarbe wurde von drei jungen Männern rund um Langzeitinhaber Rudolf Schauer gegründet, die ihrem Elternhaus den Rücken zugekehrt haben und dem Lockruf des Musikmachens gefolgt sind. Sie eiferten ihren Vorbildern der damaligen österreichischen Musikszene nach und wollten wie Falco oder EAV als Musiker ihr Geld verdienen.

Doch eine E-Gitarre mit guten Tonabnehmern, ein funktionierendes Keyboard oder ein Schlagzeug-Set waren im Wien der 80er Jahre nur schwer zu bekommen und für die Jungmusiker unleistbar. Es gab nur ein paar Händler, die noch dazu kein Interesse an einer großen Auswahl an Instrumenten hatten und diese zu überteuerten Preisen verkauften. Da es keine Konkurrenz gab, verdienten sie auch so ihr Geld.

Mittellose Musiker hatten daher nur zwei Möglichkeiten, an die begehrten Instrumente heranzukommen. Zum einen konnte man sie im Ausland kaufen, wo sie in der Regel um ein Drittel billiger waren. In den 1980er Jahren, also lange vor dem EU-Beitritt Österreichs, war dies aufgrund der bestehenden Grenzen aber sehr aufwendig. Oftmals wurden die Instrumente daher geschmuggelt. Die zweite Möglichkeit bestand darin, Instrumente selber zu bauen.

Für die drei Jungmusiker war beides keine Option. Bald kamen sie zu dem Entschluss, ein eigenes Musikgeschäft zu eröffnen. Natürlich mit erstklassiger Beratung und guten Produkten zu fairen Preisen, so der Vorsatz. Sie bezogen eine alte, baufällige Fabrik in einem Hinterhof am Einsiedlerplatz, in der die Klangfarbe für die nächsten 25 Jahre bleiben sollte. Das einzigartige Ambiente wurde bald zu einem Anziehungspunkt für die Wiener Musikszene.

Eine Wendeltreppe führte durch die Stockwerke des Gebäudes, aus dem knarrenden Holzboden staubte es und im Winter lag der Geruch des Ölofens in der Luft. In einem kleinen, verwinkelten Raum konnte man seine E-Gitarre an Verstärker anschließen und testen. Jede Note drang allerdings nach außen, was die Mitarbeiter der Klangfarbe veranlasste, eine Zensur einzuführen. Im Inneren des Kammerls wurde ein Zettel aufgehängt mit dem Verbot, den Deep-Purple-Klassiker "Smoke on the water" anzustimmen. Wer sich nicht daran hielt, musste der Besatzung eine Kiste Bier spendieren.

Vor fünf Jahren wurde das Unternehmen in die Gasometer übersiedelt. Von den drei Gründern arbeitet heute keiner mehr in der Klangfarbe. Die ersten beiden schieden bereits nach wenigen Jahren aus, Rudolf Schauer setzte sich Anfang 2015 zur Ruhe. Am längsten dabei ist Wolfgang Handl.

Infiziert durch Black Sabbath,
Frank Zappa und Pink Floyd

Im Alter von 12 Jahren wurde der Mittfünfziger mit Musik infiziert, erzählt er. Mit einem Kassettenrecorder sei er vor dem Radio gesessen und habe die Songs seiner Helden Black Sabbath, Deep Purple, Frank Zappa und Pink Floyd aufgenommen, die in den Sendungen gespielt wurden. "Damals gab es noch vernünftige Musik im Radio", sagt er. Der Wunsch nach einer E-Gitarre war von nun an ungebremst. Seine Eltern wollten davon aber nichts wissen. Nicht er, sondern seine Schwester wurde mit Instrumenten beschenkt. Zuerst bekam sie eine Blockflöte, dann ein Klavier und später eine akustische Konzertgitarre. Die Schwester hatte allerdings kein Interesse an der Gitarre und überließ sie ihrem 14-jährigen Bruder.

"Ich habe es mir selber beigebracht, als Linkshänder auf einer Rechtshänder-Gitarre", erinnert sich Handl. Bis er eine E-Gitarre besaß, mit der er die verzerrten Riffs seiner Vorbilder nachspielen konnte, dauerte es aber noch ein paar Jahre. Handl musste daher improvisieren. Die Plastiksaiten der Konzertgitarre wurden durch Stahlsaiten ersetzt und in das Schalloch schraubte er einen Tonabnehmer. Verstärkt wurde die Gitarre durch Röhrenradios, von denen er vier hintereinander hängte und laut aufdrehte. "Dadurch habe ich einen fetten, verzerrten Sound bekommen." Mit seinem ersten verdienten Geld kaufte er sich im Alter von 16 Jahren eine E-Gitarre.

Nur zwei Jahre nach der Eröffnung heuerte er bei der Klangfarbe an. Der technisch versierte Handl wurde dringend gebraucht. Schließlich war das Musikgeschäft ein voller Erfolg. So wurde kurz nach der Eröffnung bereits die erste Falco-Tour ausgestattet. Falco hatte damals seinen größten Erfolg, als er mit "Rock me Amadeus" an der Spitze der US-Charts stand. Auch andere Größen der österreichischen Musikszene setzten bald auf die Klangfarbe. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Bilderbuch, Wanda oder Fuzzman von Naked Lunch sind Stammkunden des Musikhauses.

Zuletzt flachte die Gewinnkurve durch die Konkurrenz aus dem Onlinehandel stark ab. "Jährliche Gewinnspannen von bis 20 Prozent gibt es heute nicht mehr", sagt Handl. Das Glitzern in den Augen von Halbwüchsigen, die zum ersten Mal eine E-Gitarre in der Hand halten, sei aber das selbe wie früher.