Wien. Es ist bitterkalt an diesem Dezembervormittag. Die Wiedner Hauptstraße im 4. Bezirk ist belebt und der Einzelhandel hofft auf einen guten Umsatz in der Adventzeit. Vor der Eisenwarenhandlung "Zur Goldenen Kugel" hat sich eine Menschentraube gebildet, die über die "gute, alte Zeit" spricht. Zu Letzterer gehört auch der Traditionsbetrieb, der seit mehr als 160 Jahren an derselben Stelle im gleichnamigen Haus existiert. Geführt wird das Geschäft seit 2003 von Roland Zemla, der den Betrieb, dessen Weiterbestand gefährdet war, unbedingt erhalten wollte. Es handelt sich um ein Haushaltswarengeschäft vom alten Schlag, das doch modern ist. "Sagen Sie mir, wo es heute in Wien noch Eisenwarenhandlungen gibt? Man muss sie mittlerweile mit der Lupe suchen. Als ich noch jung war, vor 60 Jahren, gab es über 400 in der Stadt", sagt Joseph Mair. Der 88-jährige Pensionist ist Stammkunde. "Hier bekommt man wirklich alles: Plastikdosen, Schrauben, Töpfe und Werkzeug - es ist wie ein Eisen-Greißler", betont er.

Schlemmkreide, Federweiß
und Büffelbeize

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Das Motto der "Goldenen Kugel" lautet: "Was nicht lagernd ist, wird prompt besorgt". Für den Kunden nimmt man sich in diesen Einzelfachgeschäften gerne Zeit und auch eine Tasse Kaffee gibt es in familiärer Atmosphäre. Etwa 20.000 bis 70.000 Artikel und mehr, vom Dübel bis zur Gießkanne, haben die kleinen Eisenwarenhändler in ihrem Geschäft, je nachdem, wie viel Platz sie haben. Darunter Dinge, die man nirgends sonst mehr so bekommt: Schlemmkreide und Büffelbeize, Bimsmehl und Federweiß, Schmierseife, Taufstein und Borax. "Bemerkenswert finde ich es bei solchen Geschäften immer, wenn das Personal, konfrontiert mit einem nicht standardmäßigen Wunsch, zielgerichtet zu einer Abteilung eilt und sofort das Gewünschte präsentiert", meint Mair. Im Gegensatz zu den großen Märkten seien Geschäfte wie die "Goldene Kugel" eben kompetente Haushaltsnahversorger, die "die Gegend aufwerten und ganz ohne hässliche Containerbauten und Monster-Parkplätze auskommen, die große Baumarktketten zu Fremdkörpern in der Landschaft machen".

Ein anderer Betrieb dieser Art ist der "Petzolt" in der Neubaugasse, der heuer sein 190. Firmenjubiläum feiert. Inhaberin Christine Del Monte-Petzolt und Geschäftsführer Wolfgang Huber legen größten Wert auf die Fachberatung. Huber führt den Betrieb mit 14 Mitarbeitern und 200 bis 250 Kunden pro Tag seit 2009. "Wir haben zwei Standbeine, den Großhandel, der 80 Prozent des Umsatzes ausmacht, und den Detailverkauf, der hier im Geschäft stattfindet", sagt der 55-jährige Geschäftsmann. Das Besondere an seinem Geschäft sei, dass es Metallzuschnitte und individuelle Rohre gebe, die man sonst schwer bekommt. "Außerdem haben wir ein reichhaltiges, qualitatives Fachsortiment wie etwa das Stubaimesser, das sonst keiner hat", ergänzt er. Man spüre zwar den Druck durch die großen Mitbewerber, aber der Umsatz im Detailverkauf im Geschäft habe sich 2014 und 2015, auch durch die Baumax-Pleite, deutlich erhöht. Huber führt das unter anderem darauf zurück, dass man mitten in der Stadt sei und der Standort sich durch junges, ehrgeiziges Personal mit einer ausgezeichneten Beratung einen Namen gemacht habe. Auch Bastler gehören zu den besten Kunden, da sie hier Buntmetalle und viele andere spezielle Produkte nach Wunsch bekommen.

Auf eines legt Huber ganz besonderen Wert: "Ich möchte unterstreichen, dass es ein Irrglaube ist, dass die kleinen Geschäfte immer teurer sind als die großen. Kleineisenwaren sind bei uns günstiger als im Baumarkt", meint er. So wie es auch nicht stimme, dass Greißler immer teurer seien als die Supermärkte. Und dies, obwohl viele Ketten gewisse Produkte in hundertfacher Stückzahl bestellen und dadurch einen besseren Einkaufspreis erhalten würden. Daher appelliert Huber an die Konsumenten, zu vergleichen, denn es würde sich lohnen. Was ihm persönlich wehtue, sei die Aussicht auf die Zukunft des Grätzels, sagt Huber: "Die Neubaugasse versandelt im Abschnitt Siebensterngasse bis Lerchenfelder Straße, wir haben weit und breit keine Banken mehr und die Kundenfrequenz lässt stark nach", erklärt er. Daher werde die Geschäftslage immer schwieriger.

Mit Kundenschwund kämpft auch Barbara Jachim, die das Geschäft "Hans Plechaty" auf der Landstraßer Hauptstraße vor 22 Jahren von ihrem Vater übernommen und sich auf Haushalts- und Küchenwaren spezialisiert hat. "Ich habe schlaflose Nächte, wie es weitergehen kann - das Geschäft ging noch nie so schlecht", klagt sie. Die Shoppingzentren The Mall und Galleria ziehen Kunden ab, viele fahren mit dem Bus bis Wien-Mitte durch, ältere Stammkunden sterben weg. Früher hatte die Familie vier Eisenwarenhandlungen und einen Großhandel in Wien. "In den 1980er Jahren standen wir hier im Advent zu siebent im Geschäft, so viel war los. Heute kann ich mir Personal gar nicht mehr leisten", sagt Jachim. Aber die Modelleisenbahn zur Weihnachtszeit in der Auslage, vor der sich die Kinder die Nasen an der Scheibe plattdrücken, die gibt es immer noch. Was Jachim ärgert, ist, wenn Kunden bei ihr fündig werden, "aber erzählen, wo sie vorher schon überall waren", denn: "Als letzte Station sind wir immer gut genug."