Wien. Wenn es basisdemokratisch zugeht, brauchen Entscheidungen gelegentlich ein bisschen länger. So auch bei der Baugruppe Bikes & Rails, wo man dieser Tage gerade darüber verhandelt, wie die Südseite des geplanten Hauses ausgestaltet sein soll: gemeinschaftlich genutzte Loggia? Oder doch lieber private Wohnräume? Der Diskussionsprozess läuft. Abgesehen von nicht unwesentlichen Fragen wie diesen, die in den fast jede Woche stattfindenden Treffen besprochen werden, herrscht unter den künftigen Bewohnern des Hauses im neuen Sonnwendviertel beim Wiener Hauptbahnhof Übereinstimmung: Das fünfstöckige Gebäude mit voraussichtlich 17 Wohneinheiten, 90 Stellplätzen für Fahrräder, gemeinsamer Dachterrasse und Sozialräumen wird ab dem Jahr 2017 Menschen beherbergen, die einem sozial nachhaltigen, urbanen und umweltbewussten Wohn- und Lebensstil anhängen.

Weil das Ganze aber nicht bloß Wohnhaus, sondern auch neuer Treffpunkt der Fahrrad-Community in Wien sein soll, kommt in die Erdgeschoßzone ein Fahrrad-Café samt Veranstaltungsraum. Außerdem gibt es neben den fixen Wohneinheiten einen Bereich, der für Radreisende reserviert ist: eine Art Radfahrer-Herberge. "Die Lage neben dem Hauptbahnhof macht uns zum logischen Treffpunkt für Radtouristen, die nach Wien kommen", erklärt Patrick Bischoff: "Ihnen steht das Angebot zur Verfügung, bei uns zu nächtigen und zugleich mit der Wiener Radszene in Verbindung zu treten. Zugleich können sie auch etwas von ihrer Radkultur nach Wien bringen."

Es begann
im Herbst 2014

Zusammen mit Julian Walkowiak und dessen Frau Fernanda Aparecida De Souza betreibt Bischoff derzeit die Fahrrad-Werkstatt "United in Cycling" in der Seestadt Aspern. Mit der Baugruppe "Bikes and Rails" nehmen die jungen Leute ein weiteres velophiles Projekt in Angriff.

"Nicht jeder, der hierher ziehen will, muss ein Fahrrad-Fanatiker sein", schmunzelt De Souza: "Aber Sympathie für das Radfahren sollte er mitbringen und bereit sein, in der Stadt auf das eigene Auto zu verzichten."

Im Herbst 2014 traf sich die kleine Gruppe von Freunden rund um De Souza, Bischoff und Walkowiak zum ersten Mal. "Wir haben uns überlegt, wie wir von der Anonymität in der Stadt wegkommen", sagt De Souza. Bei der Ausschreibung für ein Grundstück am Sonnwendviertel reichen sie ihr Konzept ein. Im Sommer 2015 folgt prompt der Zuschlag.

Der Verein beauftragte den gemeinnützigen Bauträger Familienwohnbau, der Eigentum an dem Grundstück erwarb, und beauftragte das Architekturbüro Georg Reinberg mit der Ausarbeitung der Pläne. Hauptmieter der Immobilie und gewerblicher Nutzer des Fahrrad-Cafés wird der Verein, der dann die Wohnungen an die Mitglieder der Baugruppe weitervermietet. Die gewählte Ausgestaltung als Wohnheim ermöglicht der Baugruppe, der Stellplatzverpflichtung der Wiener Bauordnung zu entkommen, die Bauträger zwingt, für neu errichtete Wohnhäuser eine bestimmte Anzahl von Auto-Parkplätzen zu errichten. Das Geld für die teure Tiefgarage wird so für andere Einrichtungen frei bzw. senkt die Baukosten deutlich.

Um den aufwändige Planungsprozess reibungslos durchzuführen, engagierte man das Unternehmen Wohnbund:consult mit der Moderation. "Wir vermitteln zwischen den beteiligten Personen und halten die Kommunikation aufrecht", beschreibt Baugruppenkoordinator Manuel Hanke seine Arbeit. Der studierte Soziologe begleitete zuvor bereits Baugruppen in der Seestadt Aspern und war von Anfang an bei Bikes & Rails dabei.

Den Konsens innerhalb einer Baugruppe zu finden, sei nicht immer einfach, berichtet Hanke. Der Prozess fordere den Mitgliedern einiges an Zeit und Engagement ab: Am Ende steht allerdings die Chance, das Lebensumfeld frei nach persönlichen und kollektiven Bedürfnissen zu gestalten bzw. sich die Nachbarn auszusuchen.

Förderung für partizipative Bauformen


In Wien gibt es Baugruppen mittlerweile schon recht lange. Ein Erfolgsbeispiel dafür ist etwa die Sargfabrik im 14. Bezirk: Deren Bewohner schufen Ende der 1990er Jahre auf dem Gelände der einst größten Sargtischlerei der Donaumonarchie ein Wohn- und Kulturareal samt Badehaus.

Inzwischen hat auch die Stadt Wien die Vorteile der Baugruppen für sich entdeckt. Partizipative Bauformen werden in den großen Stadtentwicklungsgebieten gefördert. Wie in der Seestadt Aspern reservierte die Stadt auch im Sonnwendgelände am Hauptbahnhof Grundstücke für Baugruppen und unterstützt sie mittels Wohnbauförderung. Auch, um in den neu entstehenden Vierteln eine soziale Durchmischung herzustellen und die Bildung neuer Problemviertel - Stichwort Rennbahnweg - zu verhindern.

"Die Stadt profitiert von aktiven Bewohnern, die an der Gestaltung ihres Wohnumfelds interessiert sind", sagt Ernst Gruber, Architekt und Sprecher der Initiative Gemeinschaftliches Bauen und Wohnen: "Sie schaffen für sich und für ihre Nachbarn ein spezielles Angebot an soziokulturellen Einrichtungen und nutzen es auch."

Bis es so weit ist, müssen die Mitglieder von Bikes & Rails freilich noch einen ganz schön weiten Weg zurücklegen. Frühestens im Herbst des komenden Jahres wird mit dem Bau begonnen. 2017 soll das Gebäude fertig gestellt sein. Derzeit sind acht Wohnungen belegt, neun weitere sind noch frei. Interessenten können in eigenen Informationsveranstaltungen vorstellig werden und sich bewerben. Über die Zulassung neuer Mitglieder wird sodann in der Baugruppe abgestimmt. Natürlich basisdemokratisch.

Weitere Informationen unter http://gemeinsam-bauen-wohnen.org