Wien. Sich der tschetschenischen Gemeinschaft statistisch zu nähern ist nicht schwer. Rund 30.000 Tschetschenen leben in Österreich, mehr als die Hälfte davon in Wien. Mit einem Durchschnittsalter von rund 28 Jahren gelten sie hierzulande als die drittjüngste Bevölkerungsgruppe (nach Zuwanderern aus Afghanistan und Somalia). Die beiden Tschetschenien-Kriege dauerten von 1994 bis 1996 und von 1999 bis zum Jahr 2009. Seit 2008 sank in Österreich die Anzahl der anerkannten Asylwerber von rund 1500 auf 673 positive Bescheide für 2013.

Soweit die Statistik. Sich dagegen dem seelischen Gemüt der jungen Einwanderer zu nähern, erweist sich als komplexer. Tschetschenen werden oft mit Kriminalität in Zusammenhang gebracht. SOS Mitmensch hat mittels einer Studie von 2014 belegt, dass medial von 179 Artikeln, in denen Personen tschetschenischer Herkunft Erwähnung fanden, 83 Prozent thematisch negativ besetzt waren, 16 Prozent neutral und nur 1 Prozent positiv. Dominierend dabei: Kriminalität und Dschihadismus. Tschetschenen sehen sich auch immer wieder politischer Instrumentalisierung ausgesetzt, wenn die Themen "Asyl" und "Sicherheit" an der Tagesordnung des politischen Geschäfts stehen. Verlässt man allerdings diese Ebenen und hört sich unter Sozialarbeitern um, die mit tschetschenischen Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten, lässt sich ein erster Schritt hinaus aus einer einseitigen Darstellung wagen.

Mairbek Taisumov kam im Alter von 17 Jahren nach Österreich. - © Stanislav Jenis
Mairbek Taisumov kam im Alter von 17 Jahren nach Österreich. - © Stanislav Jenis

Man hört tatsächlich Geschichten von Gewalt, dem sogenannten "Short Temper", einem kurzen Geduldsfaden, und dem Drang, sich auf der Straße beweisen zu müssen. Aber auch von Traumata, den Folgen einer an den Rand gedrängten Gruppe und benötigter Hilfe.

"Man muss stark sein, um sich verteidigen zu können"

Einer der Sozialarbeiter, der bereit war, tiefere Ansichten seiner Erlebnisse zu teilen, Gerhard Falke (Name von der Redaktion geändert), ist seit mehr als einem Jahrzehnt bei der Jugendbetreuung aktiv. Er pflegt in seiner Arbeit mit bis zu 30 Tschetschenen mehr oder weniger regelmäßig Kontakt: "Die Tschetschenen, die ich kenne, sind sehr körperbewusst. Es gibt Vorstellungen darüber, wie ein Mann auszusehen hat. Es ist ein Trend, den man als eine Art Adonis-Komplex bezeichnen kann und der nicht nur bei den Tschetschenen herrscht. Im Endeffekt kann man sagen, jeder ist relativ sportlich. Das hat meiner Meinung nach sehr wohl mit den Kriegen zu tun. Denn man muss stark sein, um sich jederzeit verteidigen zu können, so die überwiegende Meinung", erklärt Falke. Er sieht im schlechten Image unter anderem einen speziellen Grund: "Es gibt unter den Tschetschenen dominante und unscheinbare Persönlichkeiten. Man ist leicht versucht, die kleine Anzahl an extrovertierten Menschen gern als Maßstab für die ganze Bevölkerungsgruppe herzunehmen. Diejenigen, die ihr Kriegstrauma verarbeitet haben oder gar keines hatten, die gehen dabei unter." Er weiß, dass in verschiedenen Institutionen, wie der Polizei, die Vorsicht und Hellhörigkeit steigt, wenn es heißt: "Schlägerei. Tschetschenen involviert": "Dann kommen statt zwei Polizisten, zwei volle Wagen."

Kriegstraumata
und ihre Folgen

Dieses "Stets bereit sein", von dem Falke spricht, ist auch eine Beobachtung, die Cecilia Heiss, Geschäftsführerin des Betreuungszentrums für Folter- und Kriegsüberlebende "Hemayat" und klinische Psychologin, bei ihrer Arbeit mit tschetschenischen Kriegsflüchtlingen tatsächlich machen konnte. "Es gibt Folgeerscheinungen der Traumata, die diese Menschen erlebt haben. Schlafstörungen gehören dazu. Alpträume, Flashbacks, wenn sie Uniformen sehen. Das Erlebte führt zu Konzentrationsstörungen, Alarmreaktionen, einem schreckhaften Wesen und auch zu Gewalt", sagt die gebürtige Zell am Seeerin. Unter den 661 Menschen, die im Vorjahr die Hilfe von "Hemayat" in Anspruch nahmen, waren 289 Tschetschenen. "Manche haben Angst sich beim Schlafen auszuziehen, weil sie halbnackt verschleppt wurden. Sie wollen für ,das nächste Mal‘ einfach bereit sein."

Heiss widerspricht der Annahme, dass sich die Gruppe der Tschetschenen in die Unsichtbarkeit flüchte. "Vor uns verstecken sie sich nicht. Sie suchen Hilfe. Viele werden uns auch von diversen Institutionen zugewiesen. Es herrscht zudem eine starke Mundpropaganda darüber, dass sie bei uns Hilfe finden können."

Es sind jene Gewalterfahrungen, die bei tschetschenischen Flüchtlingen eine psychotherapeutische Behandlung dringend nötig machen. Derartige Therapien werden aber oft unterbrochen und innere Konflikte weggesperrt. So heißt es in einem Text des Sammelwerks "Dem Krieg entkommen? Tschetschenien und TschetschenInnen in Österreich" von der Psychotherapeutin Dorothee Dietrich. Die Wissenschafterin beschreibt darin die physische Belastung der jahrelangen Asylverfahren und folgender Isolation durch das Arbeitsverbot; und berichtet von den verschiedenen Formen der Gewalt, die ihre Klienten erlebt haben. Man liest von Menschen, die mitansehen mussten, wie ihre Liebsten vor ihren Augen misshandelt, gefoltert, erschossen, vergewaltigt oder in die Luft gesprengt wurden. Diese Hilflosigkeit, die keine Gegenwehr erlaubt und das betroffene "Individuum der Situation ausliefert", kennzeichne traumatische Erlebnisse. Der Umgang mit diesen Negativerfahrungen beinhaltet unter anderem zwei Formen: Patienten ziehen sich entweder total aus der Gesellschaft zurück oder die Geflohenen reagieren unter dem ständigen Druck "Flashbacks" zu vermeiden, zunehmend aggressiv, so Dietrich.