Wien. "Es fällt uns auf, dass es während der Feiertage immer wieder zu akuten Fällen kommt, wo die Gewalt eskaliert", sagt Maria Rösslhumer. Sie ist seit 15 Jahren Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) mit Sitz am Bücherplatz in Margareten. Der Verein fungiert als Netzwerk der 26 autonomen Frauenhäuser in Österreich - in Wien gibt es vier Frauenhäuser - sowie als Trägerverein der Frauenhelpline (0800/222 555).

"Es ist ein Phänomen, dass Frauen versuchen, die Feiertage mit ihrer Familie möglichst harmonisch zu gestalten und alles zu tun, damit es den Kindern und der Familie gut geht. Viele Frauen rufen erst nach den Feiertagen an. Jedes Jahr verzeichnen wir nach den Feiertagen einen Anstieg bei der Frauenhelpline."

Das sei auch nachvollziehbar, so Rösslhumer. "Frauen fühlen sich für die Familie verantwortlich und versuchen, alles zu managen und zu checken und nichts eskalieren zu lassen. Gewaltbeziehungen kann man aber nicht steuern. Da braucht es nicht viel - beispielsweise das Essen ist zu spät am Tisch - und der gewalttätige Partner zuckt aus."

Anstieg um 350 Fälle

Die Zahlen von 2014: Die Mitarbeiterinnen der Frauenhelpline nahmen österreichweit 8000 Anrufe entgegen - ein Anstieg um 350 Fälle im Vergleich zu 2013. Die Wiener Interventionsstelle betreute 6000 Mädchen und Frauen, die von Gewalt in der Familie oder von Stalking betroffen waren. In Wien wurden 3372 polizeiliche Betretungsverbote verhängt, 87 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt waren weiblich, die Täter waren in 92 Prozent der Fälle männlich. Die Situation verbessert sich über die Feiertage nicht. "Die Erwartungen sind hoch und die Anspannung ist höher als während des Jahres."

Die Hemmschwelle, während der Feiertage die Polizei einzuschalten oder sich an eine Beratungsstelle zu wenden, sei groß. "Das Gute bei der Frauenhelpline ist, dass, wenn Frauen bei uns anrufen und sie sagen, dass sie sich nicht trauen, die Polizei zu verständigen, dann intervenieren wir." Für viele Frauen sei es "keine leichte Sache und ein riesengroßer Schritt", gegen den eigenen Partner eine Anzeige zu erstatten. Denn das Thema "Gewalt in der Familie" ist noch immer sehr schambesetzt. Viele Frauen haben vor den Reaktion Angst. Was sagen die Nachbarn? Was sagt die Familie? Auch für die Kinder ist die Situation nicht einfach. "Alle im Umfeld der Kinder wissen, dass der Vater gewalttätig ist und, dass er weggewiesen wurde", weiß Rösslhumer.

Viele Formen der Gewalt

Welche Schritte sollen von Gewalt betroffene Frauen setzen? "Das Allerwichtigste ist, dass Frauen, wenn sie mit Gewalt konfrontiert sind, sich möglichst früh Hilfe suchen und nicht zuwarten", so Rösslhumer. Auch bei psychischer Gewalt. "Frauen erleben psychische Gewalt, aber definieren psychische Gewalt nicht als Gewalt. Sie denken, dass sei normal, runter gemacht und geringschätzig behandelt werden. Das ist etwas, was Frauen kennen, mit dem sie vielleicht schon in der Kindheit aufgewachsen sind. In der Partnerschaft erleben sie es oft als normales Muster. Aber es ist nicht normal. Es ist Gewalt."

Eine rechtliche Handhabe gegen psychische Gewalt gibt es derzeit nicht. "Auch psychische Gewalt muss ein Strafdelikt werden", fordert Rösslhumer.

30 Morde pro Jahr

Je länger Frauen in Gewaltbeziehungen leben, desto stärker kann die Gewalt eskalieren. "Vor allem in Trennungs- und Scheidungsphasen nimmt die Gewalt zu. Wir wissen, vor allem in diesen Zeiten ist es für die Frauen und Kinder am gefährlichsten. Viele Frauen werden auch ermordet."

Rösslhumer rät Betroffenen, die sich trennen wollen, ein Frauenhaus aufzusuchen oder bei Freunden und Verwandten unterzukommen. "Der Schutz ist am allerwichtigsten. Die Trennung ist eine Hochrisikosituation. Die Frauen sind in der Zeit sehr gefährdet und Täter spüren das, wenn eine Frau vorhat, sich zu trennen. Die Kontrolle über die Familie zu verlieren, ist bei Gewalttätern ein Grund, noch heftiger Gewalt auszuüben."

Die traurige Statistik: Österreichweit werden jedes Jahr rund 30 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partner ermordet. Am Freitag der Vorwoche wurde eine 22-jährige Wienerin in ihrer Wohnung in Penzing in der Lortzinggasse vor ihren beiden Töchtern erstickt. Tatverdächtig ist ihr 41-jähriger Mann.

In den 26 österreichischen Frauenhäusern fanden im Vorjahr 3350 misshandelte Personen Schutz, die Hälfte davon waren Kinder. In Wien, wo es vier Frauenhäuser gibt, wurde der Verein Wiener Frauenhäuser 1978 von Johanna Dohnal gegründet.

"Ab dem Moment, wo Frauen das Gefühl haben, sie wurden von ihrem eigenen Partner in irgendeiner Form verletzt, sollten sie sofort Hilfe suchen, sich beraten lassen und nicht lange zuwarten. Man spürt ja, wenn man in einer ungesunden Beziehungen lebt. Wir möchten gewaltbetroffenen Frauen Mut machen, dass es Hilfe gibt, dass sie gestärkt werden und, dass sie sich nicht scheuen sollten, Hilfe anzunehmen", sagt Maria Rösslhumer.