Alte Kunst am Bau: das Mosaikwandbild "Frauenberufe" von Hans Robert Pippal aus dem Gemeindebau Sanatoriumstraße (l.), der Reumannhof (r.) - triste Vollbadgasse heute (M.).
Alte Kunst am Bau: das Mosaikwandbild "Frauenberufe" von Hans Robert Pippal aus dem Gemeindebau Sanatoriumstraße (l.), der Reumannhof (r.) - triste Vollbadgasse heute (M.).

Wien. Graue, farblose Wände, kahle Fassaden, alte Mauern - nicht jeder Gemeindebau in Wien hat in den vergangenen Jahrzehnten einen neuen Anstrich bekommen. Im Gegenteil, viele Gebäude sehen traurig aus. Dabei war es in der Vergangenheit durchaus gang und gäbe, auch Künstler bei Gebäuden mitwirken zu lassen und ihnen Gelegenheit zu geben, das Stadtbild mitzuprägen.

"Anfang des 20. Jahrhunderts - im Roten Wien - war Kunst ein Mittel, um programmatische Inhalte zu verbreiten. An den Wänden der Gemeindebauten wurden Handwerkszünfte abgebildet", so Soziologin Cornelia Dlabaja zur "Wiener Zeitung". In der Nachkriegszeit habe es den sogenannten Kulturschilling gegeben. Fünf Prozent der Baukosten mussten in die Kunst am Bau investiert werden. Damit wollte die Stadt die Künstler fördern. Heute sei der Bauherr dazu nicht mehr verpflichtet. Ob es Kunst am Bau gebe oder nicht, sei den Bauträgern überlassen. "Die Kunst an den Wänden der Gemeindebauten ist mit der Zeit immer mehr verschwunden. Bei Gemeindebau-Sanierungen findet keine künstlerische Neugestaltung statt", sagt Dlabaja, "und seit 2004 wurden keine Gemeindebauten mehr gebaut." "Wie sieht Wien dann in 20 Jahren aus? Ist das Stadtbild dann austauschbar?"

Weil die Stadt seit heuer wieder erstmals Gemeindewohnungen errichten will, nützte Wohnbauforscherin Dlabaja die Gelegenheit und rief die Ausstellung "Gemeinde Bau Kunst" ins Leben, die heute, Mittwoch, in der Westbahnstraße im 7. Bezirk eröffnet wird. Dabei geht es um die Frage, wie die Zukunft des Gemeindebaus aussehen könnte.

Die Ausstellung zeigt in einem Raum Retrospektiven aus der Zeit des Roten Wien und der Nachkriegsära. Im Mittelpunkt stehen bei den Fotos von Dlabaja der Reumannhof und das Kongressbad. Weiters sind dort die Ideen und Visualisierungen der Künstlergruppe Irga Irga zu sehen. Den Visionen der Künstler wird der Status quo gegenübergestellt. Der Künstler Fresh Max zeigt seine Vision zum Gemeindebau Wagramer Straße. Den Karl-Marx-Hof nimmt Künstler Knarf ins Visier. Die Fassade des roten Gemeindebaus wird mit Ornamenten übersät. "Es kommt zu einem visuellen Bruch", so Kuratorin Dlabaja. Als Drittes hat Künstler Mafia Tabak die Vollbartgasse nach seinen Vorstellungen gestaltet. Der Gemeindebau wurde seit dem Jahr 1954 nicht mehr umgestaltet, lediglich thermisch saniert. Der Künstler und Grafiker hat einen für den grauen Bau sehr bunten Vorschlag gemacht.

Im zweiten Raum hängen Bilder von einem Instagram-Fotowettbewerb. 14 verschiedene Fotografen wurden ausgewählt. Sie decken die verschiedenen Epochen des Gemeindebaus ab. Vom Reumannhof über die 1950er Jahre bis zum Schöpfwerk der 1970er und den letzten künstlerischen Gestaltungen von Gemeindebauten in den 1990er Jahren.

Der Hintergrund des spielerischen Zugangs zum Gemeindebau ist laut Dlabaja, die Diskussion in Gang zu setzen, dass Wohnraum für die sozial Schwächsten nicht mehr leistbar ist. "Wien wächst und der Wohnraum wird knapp", sagt sie. Es gebe zu wenig Superförderungen und bei den meisten geförderten Wohnungen sei der Eigenmittelbedarf für viele nicht mehr leistbar. Dass die sozialen Probleme in Wien nicht so groß sind wie in anderen Städten, habe auch damit zu tun, dass immerhin rund 500.000 Wiener in Gemeindewohnungen leben können. Die Ausstellung findet im Rahmen des jährlichen Gemeindbaufestivals statt, welches seit 2009 innovative Projekte zum Thema Gemeindebau umsetzt. Das Festival wird von der Stadt Wien, dem Verein Stadt Impuls, gefördert.