Für Fritz Hausjell, Professor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, hat die Herkunft eines Täters selten etwas mit den Gründen für die Tat zu tun. "In der Regel gibt es keinen Zusammenhang zwischen der Ethnie einer Person und deren Anfälligkeit für Straftaten", sagt Hausjell. Die Faktoren, die zu einer kriminellen Handlung führen, sind andere. "Hier spielt der gesellschaftliche Status oder das Geschlecht eine große Rolle, die Herkunft oder die Hauptfarbe allerdings nicht. Überspitzt formuliert ist sie gleichbedeutend mit der Schuhgröße." Die Soziologie und Kriminalwissenschaft vergleicht immer wieder Gruppen gewissen Alters, sozialen Standes, Bildung und Geschlecht mit deren Herkunft. "In keiner der zugewanderten Gruppen war die Kriminalitätsrate höher als bei Österreichern."

Unter dem permanenten Druck der drohenden Abschiebung

Ganz im Gegenteil. Oft ist sie bei Zuwanderern sogar signifikant niedriger. Das sei nicht darauf zurückzuführen, dass sie bessere Menschen wären. Vielmehr sei "ihr Druck höher, sich gesellschaftskonform zu verhalten, denn ihnen droht permanent die Abschiebung", sagt Hausjell. Meist seien sie sehr angepasste Menschen.

Die mediale Berichterstattung erinnere ihn an die 1970er Jahre. "Da wurde vielen Gastarbeitern in Zeitungen Verbrechen in die Schuhe geschoben, die sie gar nicht begangen haben. Sie wurden sogar für die steigenden Verkehrsdelikte verantwortlich gemacht."

Einen Grund für diese Schieflage der Berichterstattung sieht Hausjell im politisch geführten Diskurs in Österreich, der seit vielen Jahren von der FPÖ geprägt sei. "Die FPÖ hat sich ganz massiv auf das Thema Kriminalität im Zusammenhang mit Zuwanderung gesetzt", sagt der Publizist. Daher komme es auch, dass bei der Nicht-Nennung der Herkunft von Tätern oft sofort eine Ethnie in Verdacht geraten würde. "Das waren bestimmt wieder die Syrer", vernimmt man dann in der Straßenbahn.

Ein doppeltes Dilemma für die objektive Berichterstattung über Gewaltverbrechen. Eine Lösung wäre, sich die Kriminalstatistik genauer anzusehen und dem Leser die sozialen Verhältnisse der Täter näherzubringen. "Die Vorfälle in Köln waren ein Gruppenphänomen, hier spielt natürlich die Herkunft der mutmaßlichen Täter auch für den Leser eine Rolle", sagt Hausjell. Andere Fragen seien allerdings dringlicher. Welcher Art von Gruppe gehörten die Täter an? Handelte es sich um Bandenbildung? Hatte die Flüchtlingsbewegung selbst etwas mit der Tat zu tun oder spielten vielmehr andere Komponenten eine Rolle? "Zeitungen, die nur schreiben, dass die Täter Flüchtlinge waren, machen es sich einfach. So stillt man nicht das Bedürfnis der Leserschaft nach Objektivität."

Ob es nun angemessen sei zu erwähnen, ob der mutmaßliche Vergewaltiger Mazedonier ist oder nicht, sei dahingesellt. Die meisten Zeitungen werden es ohnehin tun. Und die Information wird Reaktionen hervorrufen. "Aha, schon wieder ein Flüchtling", wird es heißen. Fest steht, dass wir noch kaum etwas über den mutmaßlichen Täter wissen, nur woher er kommt. Schuhgröße gefällig?