Zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte dieser Gegend hat bereits 2009 der Lokalhistoriker Josef Holzapfel das Buch "Historisches Ober St. Veit" veröffentlicht. Klötzl will mit seinem Buch trotz aller Wissenschaftlichkeit auch "Normalverbraucher" erreichen. Daher bezieht er auch eine Menge unterhaltsamer Alltagsgeschichten bis hin zu Wirtshausrauferein ein - die handelnden Personen könnten aus Nestroy-Stücken stammen: ein Sicherheitskommissär mit skandalösem Lebenswandel, ein trunksüchtiger Feuerwehrhauptmann, ein männlicher und ein weiblicher Postmeister, die Gelder veruntreuen, ein falscher Offizier, der vorgibt, Spendengelder für verwundete Kameraden zu sammeln, ein jähzorniger Kaufmann... Vinzenz Jerabek, der sich als Autor J. Vinzenz nannte, sah sein Heimatdorf Ober St. Veit in den 1880er Jahren noch so: "Das Dorf Ober St. Veit ist zu dieser Zeit ein Idyll im Grünen gewesen."

"Am Rand des Wienerwaldes gelegen, besaß es eine Fülle von Wiesen, Äckern, Weingärten, eine schöne Au an der Wien, bewaldete Hügel und vor allem die ,Edleseelackn‘, ein Gewässer unterhalb des Roten Berges." Der Verkehr zwischen der Stadt und den Dörfern war ständig intensiver geworden, viele pendelten täglich hin und her. Als 1887 eine Dampftramway zwischen Hietzing und Ober St. Veit eröffnet wurde, bahnte sich die Eingemeindung an. Der Widerstand der Dorfbewohner dagegen war zunächst groß. "Man hat ihnen viele Vorteile versprochen", weiß Klötzl, doch kaum etwas davon gehalten. Der Anschluss an die Wiener Hochquellenwasserleitung erfolgte erst viel später, mit der Einführung der Bauordnung der Stadt Wien und dem Ansteigen der Preise auf das Niveau der Stadt hatten die St. Veiter gar keine Freude. Die auf die Eingemeindung hinarbeitende liberale Stadtregierung schnitt sich damit freilich ins eigene politische Fleisch, denn durch die neuen Stimmbürger aus den Randgemeinden kamen bald die Christlich-Sozialen in Wien ans Ruder.

Klötzl nennt noch eine Besonderheit in den Landgemeinden: Frauen mit Grundbesitz hatten das Wahlrecht! Sie konnten es aber in den öffentlichen Wahlversammlungen nur durch Bevollmächtigung eines Mannes ausüben. Dieses Recht ging mit der Eingemeindung verloren - bis 1919, als das allgemeine Wahlrecht für alle Bürgerinnen und Bürger eingeführt wurde.

Die "gute alte Zeit", in der sehr vieles besser war, habe es jedenfalls nie gegeben, betont Gebhard Klötzl. Manchem dürfe man nachtrauern, aber bei vielem sei es gut, dass es heute überwunden sei.

"Von Bürgermeistern und Affären - Die Wiener Vorortegemeinden Ober und Unter St. Veit 1848-1891". Von Gebhard Klötzl Homedia Verlag, 336 Seiten, 30 Euro. Beziehbar über www.homedia.at