Die Politik des von 1897 bis 1910 amtierenden Bürgermeisters Karl Lueger fügte dieser Stimmung einen Assimilierungsdruck, der hauptsächlich Arbeiter betraf, hinzu: Das Öffentlichkeitsrecht für tschechische Schulen wurde verweigert, der Kampf um eine zweite tschechische Schule in Wien verloren und wollte man das Bürgerrecht erhalten, musste man eidlich schwören, dass der deutsche Charakter der Stadt Wien aufrechterhalten wird.

Fialas Familie kam in dieses von Ängsten und Deutschtümelei geprägte Klima nach Wien. Sie versuchten die tschechische Sprache beizubehalten: "Ein Wirtshaus in Simmering galt als Treffpunkt der Tschechen. Dort gab es auch Volksschulklassen. Alles geschah heimlich", erzählt Fiala. Seine Großmutter sprach nur wenig Deutsch. Als Geschäftsinhaberin mit einem tschechischen Kundenstock waren Deutschkenntnisse kaum notwendig.

Auch Fialas Mutter, aufgewachsen in der Zwischenkriegszeit, sprach lange Zeit kaum Deutsch. Sie besuchte eine tschechische Schule, wurde tschechisch-national erzogen. Laut Fiala war es das "goldene Zeitalter" der Wiener Tschechen. Der bereits 1872 gegründete private Schulverein Komensky erhielt Öffentlichkeitsrecht. Weitere öffentliche Schulen wurden geschaffen. Die Basis dafür legte ein 1920 zwischen der Tschechoslowakei und Österreich abgeschlossener Vertrag. "Die waren zwar immer gegen die Schulen, doch der österreichische Staat konnte nicht mehr dagegen sein", sagt Vales.

Lange hielt die "goldene Zeit" nicht an, viele Schulen und Vereine wurden bald wieder geschlossen. "Bis 1938 besuchte meine Mutter eine tschechische Handelsschule, die von einem Tag auf den anderen eingestellt wurde. Mit dem Hakenkreuz auf den Zeugnissen verließ sie die Schule", schildert Fiala die Folgen des aufkommenden Nationalsozialismus.

Dazu kamen Repressionen wie regelmäßige Verhöre. So auch in der Familie Fiala: "Mein Großvater war ein Typ wie aus ‚Der Bockerer‘. Goschat und immer über Adolf Hitler schimpfend. Die Folge war, dass die ganze Familie mehrmals zur NSDAP vorgeladen wurde." Die Großmutter verfrachtete den schimpfende Großvater nach Kritzendorf - aus der Schusslinie der NSDAP.

"Loyal" gegenüber Hitler


Die Angst vor weiteren Schikanen führte dazu, dass sich der Großteil der Tschechen bei der Volksabstimmung 1938 "loyal" gegenüber Hitler-Deutschland zeigte, erzählt Vales: "Sie wollten sich retten. Daher haben fast alle für den Anschluss gestimmt." Inoffiziell waren die Wiener Tschechen maßgeblich am österreichischen Widerstand beteiligt. Und doch: Es war der Zweite Weltkrieg, der die Assimilation wesentlich vorantrieb.

Heute sind die Spuren der tschechischen Zuwanderungsgeschichte kaum sichtbar. Laut Zahlen der "Medienservice-Stelle Neue Österreicher/innen" leben etwa 16.000 Personen tschechischer Herkunft in Wien. Die Gründung der Tschechoslowakei 1918, das repressive NS-Regime, die Remigration-Kampagne ab 1945 und die erschwerte Migration durch den Eisernen Vorhang sind Gründe für die sinkende Zahl der Tschechen in Wien.