Wien. In einem hofseitigen Lokal in der Innenstadt, eine Gehminute vom Stephansdom, lagerten Jahrzehnte lang edle Stoffe und schicke Kleider. Hier befand sich, versteckt hinter verhangenen Fensterscheiben und einer etwas heruntergekommenen Fassade, das Warenlager eines italienischen Mode-Labels. Seit Anfang des Jahres dienen die 82 Quadratmeter großen Räumlichkeiten einem anderen Zweck.

Mit Zeitgeist und Modeerscheinungen hat das Ganze immer noch zu tun. Mieteten sich doch im Juli 2015 zwei junge Unternehmer mit einer Handvoll Mitarbeitern hier ein: Der ehemalige Rechtsanwalts-Anwärter Martin Trink und der studierte Maschinenbau-Ingenieur Usama Assi, die sich noch aus ihrer Schulzeit am Heizinger-Gymnasium kennen, beschlossen nämlich vor heute nicht ganz drei Jahren, als Selbständige ihr Glück zu versuchen. Die derzeit so im Trend liegende Fahrrad-Szene erschien ihnen als das richtige Feld.

Ein elegantes Elektro-Rad für den Stadtgebrauch sei das richtige Produkt. "Ich wohne im 18. Bezirk", erzählt Trink, "und war es leid, dass ich auf dem Weg in die Kanzlei entweder im Stau gestanden oder, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs war, verschwitzt angekommen bin."

Bei einem Feierabend-Bier in einer Bar diskutieren die beiden über Alltags-Mobilität. Irgendwann im Lauf des Gesprächs zeichnete sich die Lösung ab: Ein E-Bike musste her. "Der Vorteil des E-Bikes ist, dass man damit auf den Radwegen und oft auch gegen die Einbahn fahren kann, ich muss es nicht anmelden, nehme es in den Fahrradkeller oder ins Büro mit. Und über Nacht schließe ich es einfach an die Steckdose an."

Bald sei man allerdings draufgekommen, dass es im Handel "nicht ein einziges E-Bike gibt, auf das wir uns freiwillig setzen würden". Es musste etwas Neues sein, etwas das nicht mehr an die schweren, sperrigen Gefährte erinnert, mit denen Reisegruppen gerne den Donauradweg entlang strampeln. Sondern ein elegantes, leichtes Vehikel, dem man den Elektroantrieb nicht gleich ansieht und das auch dann noch bewegt werden kann, wenn die elektrische Unterstützung einmal ausfällt. Es war der Startpunkt für die Entwicklung von Freygeist.

Assi begann damit, Elektro-Motoren auseinanderzunehmen und Akkus zu studieren. Es sollte ein System entwickelt werden, das als Alternative zu Auto und Moped taugt. Bald sei klar gewesen, dass man mit einem großen Motor - wie ihn die meisten Hersteller verbauen - niemals auf ein Gesamtgewicht von zwölf Kilogramm oder darunter kommen kann. "Bei vielen herkömmlichen Systemen wiegen alleine Motor plus Akku bereits acht Kilo", sagt der Techniker: "Wir haben uns dann für eine Variante mit Radnabenmotor entschieden. Auch weil wir wollten, dass das Rad cool ausschaut und nicht als E-Bike erkennbar ist."

Im Juni 2013, Trink hatte gerade seine Rechtsanwaltsprüfung geschafft und Assi stand kurz vor Abschluss seiner Diplomarbeit über E-Bike-Logistik, stand für die beiden die Entscheidung fest. "Ich habe bei meiner Kanzlei gekündigt", sagt Trink: "Auch, weil ich mir gedacht habe, mit einem E-Bike habe ich in dieser Welt mehr Impact als mit einer Karriere als Jurist."

Erfolgreiches Crowdfunding

Bis die ersten Prototypen fahrfertig waren, war es von diesem Punkt an allerdings noch ein weiter Weg: Im improvisierten Homeoffice in der Garage eines Freundes in Weidling beginnen die beiden zu tüfteln. Während Assi an den Rädern schraubt, lässt sich Trink Marketingkonzepte durch den Kopf gehen, jongliert mit Business-Plänen und versucht, Geldgeber ins Boot zu holen. Letzteres erweist sich als besonders schwierig: "Es ist so eine Henne-Ei-Situation", erklärt Trink: "Die Investoren wollen erst Geld hergeben, wenn sie Beweise dafür haben, dass das Produkt Chancen auf dem Markt hat. Ohne Geld kannst du aber das Produkt nicht herstellen, um den Beweis anzutreten."

Also beginnen sie im März 2015 eine Crowdfunding-Kampagne samt Roadshow durch Deutschland. Schon in der ersten Stunde gehen 40.000 Euro auf dem Freygeist-Konto ein. Im Lauf der Kampagne investieren 1111 Personen über die deutsche Crowdinvesting-Plattform Companisto insgesamt 1,5 Millionen Euro in das Start-up: Das ist einer der höchsten Beträge, die in Europa jemals für ein Projekt erzielt wurden. Mit diesem Startkapital in Händen läuft in Fertigungshallen in der Nähe von Frankfurt die Produktion der ersten Serie von 500 Rädern an.

Steuerung via Smartphone

Das erste Freygeist hat einen schlanken Rahmen aus Aluminium und kommt ausschließlich in der Farbe Creme-Weiß. Das Rad besteht aus einer Anzahl eigens angefertigter Teile - insbesondere dem Rahmen, der Akkus, Verkabelung und Elektronik aufnehmen muss. Die restlichen Komponenten werden von verschiedenen Herstellern zugekauft. Gespart wurde dabei nicht: Mit edlem Brooks-Ledersattel,Carbon-Gabel und Richey-Bauteilen setzt man durchwegs auf Top-Produkte - was sich auch im zünftigen Endpreis von 4000 Euro niederschlägt.

Der Ein-Ausschaltknopf für den Pedelec-Antrieb liegt beim ersten serienreifen Gefährt unauffällig unten beim Tretlager. Im Unterrohr des Rahmens stecken - jeweils in Dreiergruppen zusammengeschaltet - 27 Akkus, die laut Herstellerangaben zusammen 360 Wattstunden und eine Höchstgeschwindigkeit von 27,5 km/h produzieren. Das mag auf den ersten Blick wenig anmuten, ist aber "mehr als ausreichend", sagt Assi.

Im Test zeigt sich, dass der Akku im normalen Stadtbetrieb (fünf bis zwanzig Kilometer am Tag) eine Woche lang hält. Ein Display oder Bedienelemente am Lenker, mit denen die Leistung reguliert werden könnte, sucht man vergeblich. Der Antrieb kennt nur Ein oder Aus. Wenn er sich zuschaltet, rauscht das E-Bike mit beeindruckender Geschwindigkeit voran. Wie bei Pedelecs üblich, liefert der Zusatzantrieb umso mehr Leistung, je härter in die Pedale getreten wird.

"Wir wollten mit einer sehr puristischen Grundausstattung beginnen", erklärt Martin: "In Zukunft werden wir aber auch Modelle haben, bei denen die Leistung einstellbar ist." Für die Modelle der ersten Serie bietet Freygeist eine kostenlosen Nachrüstung an: Mittels Chip-Einbau und Handy-App kann die Leistung dann über das Smart Phone in sechs Stufen reguliert werden.

400 Stück haben die jungen Unternehmer heuer bereits verkauft. Für die kommende Saison hoffen sie auf 3000 Kunden. Neue Modelle - geplant sind ein Damenmodell, eine puristische Einstiegsvariante und eine etwas komfortablere Version des Prototyps Prime - sollen auf dem Markt kommen.