Später gab es große Pläne für den Ausbau der Donauhäfen, die an den bekannten Zusammenbrüchen des zwanzigsten Jahrhunderts scheiterten, zunächst am Zusammenbruch der Monarchie und dann am Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschlands, das sich noch im "Gauwirtschaftsplan" von 1942 großspurig einen "Ausbau der Wiener Hafenanlagen" vorgenommen hatte. Aus all diesen Plänen ist aus den bekannten historischen Gründen nichts geworden und schon drei Jahre später wurden die Hafenlagen von Wien in den letzten Kriegstagen schwer beschädigt.

Erst in der langen Periode des Friedens und des wirtschaftlichen Aufschwungs nach 1945 entstanden dann wirklich die Hafenanlagen, die heute zur Versorgung der modernen Großstadt beitragen: der zentrale Hafen Freudenau, der Hafen Albern für Baustoffe, Getreide und Stahlprodukte und der Hafen Lobau für Mineralöl und Stahl. Ferner das Schifffahrtszentrum an der Reichsbrücke für Passagierschiffe und die Marina Wien für Sportboote. Seit dem Jahr 2012 ist nun auch der Winterhafen in der Freudenau durch ein Hochwassertor zuverlässig geschützt.

"Ein großer Vorteil", sagt Lehr über den Hafen Freudenau, "besteht darin, dass die Donau außerhalb der Stadt verläuft". Der Hafen verfügt daher über ein Gelände, "das so groß ist wie der Central Park in New York", das allerdings im Unterschied zum Central Park nur wenige Bewohner der Stadt kennen. Und dieses Gelände wächst, ohne die Stadt zu behelligen, in dem zum Beispiel zwanzig Prozent des Hafenbeckens zugeschüttet wurde, um zusätzlichen Lagerplatz zu gewinnen. "Dafür wurde Bauschutt vor Wiener Baustellen verwendet, eine ideale Lösung für alle Beteiligten", sagt Pulker-Rohrhofer stolz.

Nun parken hier unzählige Neuwagen verschiedenster Marken. "Fast jeder dritte Neuwagen, der in Ostösterreich ausgeliefert wird, kommt über den Hafen Freudenau."

Heute arbeiten knapp 4000 Menschen rund um den Wiener Hafen. Drei große Brückenkräne können Container zwischen Lkw und Bahn verladen und zu diesem Zweck gibt es am Hafenbecken auch eine Schwungeinfahrt für Eisenbahnzüge, eine ganz spezielle Einrichtung: Die Lokomotiven fahren mit dem Strom aus der Oberleitung in das Hafen-Terminal und rollen dann präzise berechnet mit dem Restschwung zur Hafen-Ausfahrt. So können die Kräne, ohne von einer Oberleitung behindert zu werden, auf die Container zugreifen.

Südlich von diesen Einrichtungen ist inzwischen ein Industriegelände gewachsen, in dem sich Firmen ansiedeln, die auf die Logistik angewiesen sind. Ein Beispiel dafür, mit dem wahrscheinlich alle Stadtbewohner auf die eine oder andere Art zu tun haben, mag Tupack sein, einer der größten Hersteller von Tuben für Kosmetikprodukte aller Art und für "Lippenpflegestifte", wie es amtlich heißt. So ist also an manchem Kuss in aller Welt ebenfalls der Hafen Freudenau beteiligt.
Überhaupt spiegelt sich das Leben der Stadt in den Hafenanlagen wider. Die Leidenschaft für Bioprodukte hat dazu geführt, dass Getreidespeicher am Hafenbecken in Albern voll sind wie kaum je zuvor. Die Speicher in den Salzlagerhallen der Freudenau könnte die Stadt über zwei strenge Winter mit Streusalz versorgen.

Und der Wirtschaftsraum, mit dem der Hafen die Stadt verbindet, reicht von der Nordsee bis ans Schwarze Meer.