Wien. "Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen", heißt es schon im Märchen "Der Froschkönig". Die Geschichte vom amphibischen Adeligen scheint bei den Wiener Linien aber nicht so geläufig zu sein. Im Juni kippte das Unternehmen den von der rot-grünen Stadtregierung im März zugesagten Bau eines zweiten Aufzugs bei der U-Bahnstation Stephansplatz aus heiterem Himmel.

Die Auslastung des bestehenden Aufzugs sei zu niedrig, um einen zwei Millionen Euro teuren zweiten Lift zu rechtfertigen, hieß es. Außerdem müsse der Denkmal- und Ensembleschutz des Stephansplatzes berücksichtigt werden. Volksanwaltschaft und Behindertenvereine beklagen jedoch, dass der bestehende Lift zu schmal und ständig überlastet sei. Menschen mit Behinderung und Kinderwagenbesitzer müssten Wartezeiten in Kauf nehmen.

"Was sich hier abspielt, ist eine Schande für Wien", ärgert sich Martin Ladstätter vom Behindertenselbsthilfeverein "Bizeps". Er bezeichnet die Streichung des verbindlich zugesagten Aufzugs seitens der Wiener Linien offen als behindertenfeindlich. Er und viele andere Vereinsmitglieder forderten daher Dienstagmittag am Stephansplatz bei einem "Warteschlangen-Protest-Picknick" erneut den Liftbau.

Im Büro der zuständigen Stadträtin Ulli Sima (SPÖ) verwies man in der Causa auf die Wiener Linien. Diese blieben bei ihrem Standpunkt und merken an, dass die Station seit 20 Jahren barrierefrei sei. Zählungen würden außerdem zeigen, dass in einer Stunde etwas mehr als 30 Rollstuhlfahrer und Kinderwagenbesitzer den Lift benützen würden. Der Großteil der Fahrgäste wolle zudem gar nicht an die Oberfläche. Ihnen stehen zwei weitere Aufzüge zur Verfügung, die sie innerhalb der Station transportieren, wird angemerkt.

Volksanwalt Günther Kräuter (SPÖ) kann diese Entscheidung im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" nicht nachvollziehen. Die Zählungen der Auslastung des bestehenden Aufzugs würden von der Zivilgesellschaft sehr kritisch betrachtet, merkt er an. "Beispielsweise waren zu bestimmten Zeiten keine zählenden Personen an Ort und Stelle oder Touristen wurden nicht miteingerechnet." Ladstätter formuliert seine Zweifel da schon drastischer. "Das ist Lügen mit Zahlen", sagt er. Er erinnert daran, dass der Aufzug wegen der ständigen Überlastung 2007 sogar sechs Wochen lang gesperrt und generalsaniert werden musste.

Volksanwaltschaft hofft
auf Einigung

"Barrierefreiheit ist nicht nur notwendig, sondern auch vorgeschrieben", betont Behindertenanwalt Erwin Buchinger (SPÖ). Neben der Uno-Behindertenrechtscharta gibt in Österreich vor allem das Behindertengleichstellungsgesetz klare Richtlinien an. Die Verhältnismäßigkeit für barrierefreie Umbauten ist bei einer Öffi-Station ab einer Frequenz von 2000 Fahrgästen pro Tag gegeben. Die Station Stephansplatz überschreitet diesen Wert um das Hundertfache. "220.000 Personen nutzen die Station laut Wiener Linien täglich - das sind mehr als die Einwohner von Innsbruck und Klagenfurt zusammen", gibt Martin Ladstätter zu bedenken.

Die Volksanwaltschaft hat daher ein amtswegiges Prüfungsverfahren eingeleitet, das bis zum 19. August läuft. Kräuter hofft aber, dass die Wiener Linien rechtzeitig einlenken werden. Sollte dem aber nicht so sein und die Volksanwaltschaft einen Missstand feststellen, würde dies neben einer öffentlichen Debatte im Landtag auch dementsprechende Berichterstattung und einen möglichen Imageschaden für die Wiener Linien bedeuten.

Auch der Bezirksvorsteher der Inneren Stadt, Markus Figl (ÖVP), steht hinter dem Bau eines zweiten Aufzugs und verweist auf einen einstimmigen Beschluss im Bezirksparlament. Die Innere Stadt würde auch zehn Prozent der Baukosten übernehmen, wie sie es bei allen anderen Sanierungsprojekten für den Stephansplatz tut. Figl appelliert auch, die im kommenden Jahr anstehende Sanierung des Platzes für den Aufzugbau zu nutzen, vor allem in Hinblick auf den danach verhängten zehnjährigen Baustopp. "Entweder die Stadt Wien und die Wiener Linien stehen zu ihren Zusagen und geben zwei Millionen Euro für diese essenzielle Investition in der Inneren Stadt frei oder wir können uns für immer vom Traum eines zweiten Liftes verabschieden", sagt Figl. Kräuter schlägt ähnliche Töne an. "Eine neuerliche unnötige Baustelle wäre abgesehen von der Kostenbelastung ein wirklicher Schildbürgerstreich", so der Volksanwalt.