Wien. "Das schaut ja aus, als würd’s schneien, wenn der sich bewegt. Ist ja ekelhaft. Wie komm ich dazu, mir das anschauen zu müssen? Und jetzt geht der auch noch ins Becken und verteilt seine Schuppen überall - und ich darf da dann durchschwimmen? Na sicher nicht, ich geh jetzt zum Bademeister, der soll den gefälligst rausschmeißen."

Was wie ein surreales Beispiel von Gehässigkeit wirkt, ist einem Mann in Linz im vergangenen Jahr in einem öffentlichen Bad widerfahren. Nach Beschwerden anderer Gäste wurde er verwiesen. Der Mann litt an Psoriasis, umgangssprachlich als Schuppenflechte bekannt. Im Wiener "Pso Naturbad" an der Alten Donau in Kaisermühlen wären solche Szenen hingegen nicht möglich. Hier, beim Dampfschiffhaufen 12, können Psoriatiker sich sonnen und schwimmen gehen, ohne sich vor den Blicken anderer Menschen fürchten zu müssen.

Auch wenn die Hautkrankheit nicht ansteckend ist, werden Psoriatiker von ihren Mitmenschen oft ausgegrenzt, mitunter sogar wie Aussätzige behandelt. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts GfK haben in Österreich 87 Prozent der Psoriatiker bereits Diskriminierung und Demütigung aufgrund ihrer Erkrankung erfahren müssen.

Nur wenigen bekannt

Das 2300 Quadratmeter große mit Maulbeerbäumen bestückte Areal bietet während der Badesaison Entspannung und Abkühlung - zwei Hausenten inklusive. Das Bad gibt es seit rund 30 Jahren, ist aber außer bei Psoriatikern nur wenigen Menschen bekannt. Da es privat geführt wird, ist es auch nicht im Verzeichnis der öffentlichen Bäder zu finden. "Es ist natürlich kein Problem, wenn ein Psoriatiker seinen Partner, Familienmitglieder oder Freunde zum Baden mitnimmt. Aber wir lassen nicht jeden wahllos herein, der bei uns schwimmen möchte, nur weil das Wetter gerade schön ist", erklärt Vereinsobfrau Gabriele Schranz im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Sie ist seit elf Jahren ehrenamtlich neben ihrem Beruf als Lehrerin und Kosmetikberaterin im Verein tätig. Neben Aufklärungsarbeit, Gruppentreffen und Informationsveranstaltungen wie dem "Youngsters Day" für Kinder und Jugendliche kümmert sie sich gemeinsam mit ihren Eltern um das Bad.

Während der Saison ist es ein beliebter Treffpunkt für Psoriatiker, ob am Wochenende oder auch mal abends zur Entspannung nach der Arbeit. "Viele sind auch neugierig, Menschen kennenzulernen, denen es ähnlich geht wie ihnen", meint Schranz. Da ist es auch keine Seltenheit, wenn das Bad an besonders schönen Tagen bis Einbruch der Dunkelheit geöffnet hat.

Schranz ist über ihre Mutter Margit Grabner zum Verein gekommen, die als Teenager an Psoriasis erkrankt ist und seit mittlerweile 59 Jahren damit lebt. Gabriele Schranz ist selbst nicht betroffen, aber bei ihrem Sohn trat Schuppenflechte am Kopf auf, als er zwölf war. Das zeigt auch, dass Psoriasis nicht nach einem bestimmten Muster auftaucht oder zwingend erblich ist. "Ich glaube, das hat jeder in sich und es bricht entweder aus oder nicht", meint Grabner, die in einer Großfamilie mit 16 Geschwistern die Einzige mit Schuppenflechte ist.

Wann Psoriasis auftreten kann, ist nicht vorhersehbar. Betroffene können bereits in der Kindheit Symptome zeigen, bei Frauen können auch erst im Wechsel die ersten Schübe auftreten. Oder es erwischt einen nach der Pensionierung. Aber nicht nur die Haut wird in Mitleidenschaft gezogen. Psoriasis kann auch die Knochen und Gelenke befallen und führt wie Arthritis zu Schmerzen und Bewegungseinschränkung. Zu den größten Problemen für Psoriatiker gehört aber immer noch das Schamgefühl, ist Schranz überzeugt. "Man beginnt, sein ganzes Leben um die Krankheit herum zu bauen", erzählt sie.

Betroffene investieren sehr viel Zeit und Energie darauf, ihre Psoriasis verborgen zu halten. Ungezwungene Freizeitaktivitäten, Sport oder das Tragen luftiger Kleidung in der Öffentlichkeit sind für viele undenkbar. "Meine Mutter hat früher selbst im Hochsommer lange Ärmel und blickdichte Strumpfhosen getragen, damit niemand etwas sieht" erinnert sich Schranz.

Auch vor dem Verreisen an belebte Urlaubsorte schrecken viele zurück und verstecken sich lieber, erklärt sie. "Ich kenne eine Psoriatikerin, die mit ihrem Mann und den beiden Kindern in einer abgelegenen Hütte im Waldviertel Urlaub gemacht hat, damit sie dort niemand anderes sieht."

Nicht jeder Beruf ist möglich

Auch im Berufsleben sehen sich Psoriatiker oft durch ihre Krankheit eingeschränkt. Der Einstieg in bestimmte Zweige wie die Gastronomie ist von vornherein erschwert. Da wird der Traum, als Koch zu arbeiten, schnell einmal durch eine Ausbildung zum IT-Fachmann ersetzt, wie im Fall eines Jugendlichen, dessen Psoriasis-Erkrankung mit 14 Jahren seine Zukunftsträume auf den Kopf gestellt hat.

Auch in Berufen mit viel Kundenkontakt haben Betroffene es schwer, Fuß zu fassen, insbesondere, wenn Psoriasis an Händen oder im Gesicht auftritt. Lange Kleidung und Baumwollhandschuhe bei der Arbeit sind keine Seltenheit, um die Krankheit zu verstecken oder Infektionen zu vermeiden. Das Zurücklassen von Hautschuppen als Zeugnis der Erkrankung wird von vielen als berufliche Beeinträchtigung angesehen. Juckreiz und Schmerzen vermindern die Leistungsfähigkeit, Firmenfeiern und andere Events werden von Psoriatikern oft gemieden. Auch hämische Kommentare von Kollegen oder Kunden sind keine Seltenheit.