Wien. Die beiden Musiker sind in eine Ekstase gefallen und reißen das Publikum vor dem Wiener Volkstheater mit. Der Trommler schlägt auf seine Davul (eine im Orient und im Balkan verbreitete Rahmentrommel), sein Kollege bläst in die Zurna (ein Doppelrohrblattinstrument), während die Menge, in Kreisen oder alleine, tanzt. Auf der Stirn eines jungen Mannes rinnen Schweißperlen hinunter, der Rücken seines Hemdes ist bereits nass. Dennoch tanzen er und viele andere im Rausch der "Davul und Zurna", einem Instrumenten-Duo, das in der anatolischen Musik nicht fehlen darf. Im Volkstheater spielt ein Stück, draußen trifft Orient auf Okzident. Es ist die Flashmobreihe "Halay City Marathon", die diesen Sommer die Wiener in seinen Bann zog. Die orientalischen, griechischen und balkanischen Töne und Kreistänze nahmen in diesem Sommer die Hauptstadt der Walzer gefangen.

Während in ganz Österreich Wirrwarr über die Benennung der neuen Österreicher herrscht und ein Diskurs über sie geführt wird, ohne dass sie gefragt werden, stellen drei Wienerinnen, Natalie Ananda Assmann, Zeynep Alan und Dilan Sengül ihre Wurzeln gerne zur Schau. Ihr Projekt "Halay City Marathon", das im Rahmen der diesjährigen Wienwoche stattfindet, soll ganz im Zeichen der Solidarität zur Sichtbarmachung aller in Wien lebenden Bevölkerungsgruppen dienen. Ausnahmsweise soll die Migrationserfahrung nicht diskriminieren, sondern verbinden. In diesem Fall darf der Migrationshintergrund gerne in den Vordergrund rücken.


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Alle Informationen zu den Projekten im Rahmen der Wienwoche 2016 finden Sie unter:
www.wienwoche.org

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Wien als Bühne

Das Projekt "Halay City Marathon" soll alle in Wien lebenden Bevölkerungsgruppen sichtbarmachen. - © Alina Parigger
Das Projekt "Halay City Marathon" soll alle in Wien lebenden Bevölkerungsgruppen sichtbarmachen. - © Alina Parigger

Assmann, Alan und Sengül sind Ende 20, engagiert und aktiv. Was sie neben ihrer Tätigkeit als performende Künstlerinnen und engagierte Aktivistinnen verbindet, ist, dass die Wurzeln aller drei außerhalb von Wien liegen. Als die jungen Frauen mit armenischen, kurdischen, tirolerischen, oberösterreichischen und türkischen Wurzeln vor einem halben Jahr zusammenkamen, um Ideen für das Thema "forever together" zu sammeln, fiel die Entscheidung relativ schnell: Ein Tanzmarathon in den Straßen von Wien mit dem in vielen Gebieten der Welt traditionellen Kreistanz. Was kann mehr verbinden, als Hand in Hand zu tanzen?

Die Organisatorinnen wollen mit ihrer Idee die migrantischen Communities "aus diversen Kellerlokalen und Hochzeitssalons raus in das Zentrum der Stadt holen". Assmann, Alan und Sengül ist es ein Anliegen, dass auch zentrale Orte Wiens von allen besetzt werden sollen. Das Zentrum soll die Vielfalt Wiens widerspiegeln. So fand die Flashmobreihe in den bürgerlichen Vierteln des Volkstheaters und Burgtheaters statt. "Alle haben Recht auf Wien, auch jene mit Migrationserfahrung", betont Assmann. Mit dem "Halay City Marathon" verwandelt sich Wien in eine Bühne, auf der die ganze Vielfalt, die die Stadt birgt, Präsenz bekommt. Zu den Adressaten des Projekts gehören jedoch nicht nur die migrantischen Communities Wiens, sondern alle. "Der Halay Tanz soll eine Grundlage für gemeinsames Handeln schaffen", meint die politisch aktive Künstlerin Assmann, deren Name in Zusammenhang mit ähnlichen politischen Projekten wie "Die schweigende Mehrheit sagt JA" und "Zum. Flucht. Punsch" fiel, zuversichtlich.

Ein Tanz, der zu vielen Kulturen gehört

Die Frage, aus welcher Region oder gar Nation der Kreistanz kommt, ist genauso unmöglich zu beantworten wie das Henne-Ei-Problem. Mit diversen Variationen wird er in unterschiedlichen Gegenden getanzt. Im anatolischen Gebiet der Türkei heißt der Kreistanz Halay, die Kurden nennen ihn Govend, in Armenien nimmt er die Bezeichnung Kochari an, in Griechenland ist es der Sirtaki, in der Schwarzmeerregion und im Balkan der Hora, in Israel der Tzur Mishelo, in der arabischen Welt wird er Dabke genannt und in Afghanistan Attan.

Die Ursprünge des Kreistanzes gehen jedoch auf die Rituale der Zeit vor den monotheistischen Religionen zurück. Die älteste Manifestation des Kreistanzes ist eine zwischen 5.000 und 2.000 vor Christus entstandene Höhlenmalerei.

Aufruf zum Tanzen im öffentlichen Raum

Ausgelassene Stimmung in der Brunnenpassage. - © Wienwoche
Ausgelassene Stimmung in der Brunnenpassage. - © Wienwoche

Die Resonanz des bisher dreimal stattgefundenen Halay City Marathon Flashmobs sei laut Organisatorinnen sehr positiv. Das politisch aktive Trio des Halay City Marathons, Assmann, Alan und Sengül, lädt nun alle zum letzten Flashmob am 22. September, der um 18 Uhr von drei Startpunkten in Wien losgeht und um 21 Uhr am Platz der Menschenrechte mit dem längsten "Halay City Marathon" endet, ein.

Die Menge zieht vor das Volkstheater und zum Burgtheater. Beim Anblick von rund 200 tanzenden Personen ist offensichtlich, dass der "Halay City Marathon" ein "together" ermöglicht hat. Ob es "forever" halten kann, ist jedoch fraglich. Es ist fast Mitternacht, trotzdem zeigt die Masse keinerlei Zeichen der Müdigkeit. Es bleibt nun zu hoffen, dass sich die Spontantänzer und Zuschauer des Flashmobs beim Lesen der Boulevardzeitungen an diesen Abend erinnern, bevor sie sich von Vorurteilen beeinflussen lassen.