Wien. Wie es jenem 23-jährigen Polizisten geht, der gestanden hat, seine 25-jährige Freundin erschossen und seinen 21 Monate alten Sohn erwürgt zu haben, ist schwer vorstellbar. Er befindet sich zurzeit in U-Haft in der Justizanstalt Josefstadt, wo man ihn als akut suizidgefährdet eingestuft hat. Um sicherzustellen, dass er sich nichts antut, wurde er in einer Mehrpersonenzelle mit einem sogenannten Listener untergebracht.

Listener sind Insassen, die eine spezielle Ausbildung erhalten haben, um Häftlingen, die gerade in die Anstalt gekommen sind - meist in U-Haft - zur Seite zu stehen. "Es geht vor allem um die Zeit in der Nacht oder am Wochenende, wenn die Insassen keinen Ansprechpartner haben, weil die Psychologinnen und Psychologen nicht da sind", sagt die Leiterin der Justizanstalt Josefstadt Helene Pigl im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Denn gerade zu Beginn, wenn Menschen ins Gefängnis kommen, ist das Risiko, dass sie sich das Leben nehmen, Schätzungen zufolge fünf- bis zehnmal höher als im normalen Lebensalltag.

Unterstützung und Hilfe bei Eingewöhnung

Acht bis neun Insassen von insgesamt etwa 8900 Häftlingen begehen in Österreichs Gefängnissen pro Jahr Selbstmord - und zwar nicht nur jene, die lebenslängliche Haftstrafen ausgefasst haben und einem Leben hinter Gittern ohne Aussicht auf Freiheit zu entfliehen versuchen. Auch Insassen, die eine Perspektive auf Freilassung haben, nehmen sich das Leben.

Die Einlieferung in die Anstalt kommt oft sehr überraschend. "Die Insassen werden aus dem normalen Alltag herausgerissen. Da kann eine Ansprechperson, die im selben Boot sitzt, eine große Hilfe sein", sagt Pigl. Denn viele kennen Gefängnisse nur aus Film und Fernsehen und empfinden große Angst. Listeners sollen dem neuangekommenen Häftling ein offenes Ohr bieten, ihm helfen, sich in der Anstalt zurechtzufinden, und ihn bei der Eingewöhnung unterstützen.

Der ehemalige Leiter der Justizanstalt Innsbruck, Stefan Fuchs hat das Listener-Projekt nach Österreich geholt und in den heimischen Gefängnissen etabliert. "Es war das Produkt einer Exkursion nach England", erzählt Fuchs. In London habe man bereits in den 90er Jahren versucht, Häftlinge, die lange Strafen absitzen müssen, durch Listener zu unterstützen. Der Tiroler Anstaltsleiter hat die Idee vor allem für Häftlinge in U-Haft übernommen.

"Listeners bekommen eine Grundausbildung. Dabei geht es um Suizidprävention und Schulungen im Zuhören", sagt Fuchs. Ein Listener muss zudem eine möglichst stabile Persönlichkeit und Erfahrung im Vollzug haben. "Er soll auch gewisse Informationen geben und dem neuen Insassen etwa erklären können, wie er zu seinen Nahrungs- und Genussmitteln kommt oder wann Besuchszeiten sind", sagt Pigl. Ob jemand als Listener in Frage kommt oder nicht, prüft der psychologische Dienst. Jeder Einsatz wird vor- und nachbesprochen. Wer Listener wird, erklärt sich freiwillig dazu bereit.

Soziale Kompetenz und Empathie erforderlich

"Manchmal melden sich Insassen, die eine Ausbildung in Kommunikation gemacht haben oder ein besonderes Verständnis für andere mitbringen", sagt Pigl. Soziale Kompetenzen und ein gewisses Maß an Empathie und Intelligenz seien aber jedenfalls notwendig. Zudem dürfe die Haftstrafe des Listeners nicht ganz kurz sein, sonst mache die Ausbildung wenig Sinn. "Es ist nicht ganz leicht, jemanden dafür zu finden", sagt Fuchs. "In der Justizanstalt Innsbruck hatten wir immer vier bis fünf, die abwechselnd zum Einsatz gekommen sind." In der Josefstadt gibt es im Regelfall ein bis drei.

Meist wirkt sich die Listener-Beziehung auf beiden Seiten positiv aus. Die neuen Insassen sind dankbar, einen Zuhörer, Informanten und Berater an ihrer Seite zu haben. Beim Listener macht sich oft eine Stärkung des Selbstwerts bemerkbar. "Viele sagen, dass sie es als sehr befriedigend empfinden, etwas Sinnvolles zu tun", sagt Fuchs. Sie erleben eine Erweiterung ihres Handlungsfeldes, das zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt. Andere würden sich über den Akt der sozialen Unterstützung freuen. "Sie sagen: Ich kann mich noch gut erinnern, wie es mir gegangen ist, als ich in die Anstalt gekommen bin."

Flächendeckendes Angebot in Österreich

Mittlerweile gibt es flächendeckend Listeners in Österreich. In der Justizanstalt Innsbruck sind auch sogenannte Buddys am Werk. Sie sind etwas weniger ausgebildet, aber auch sie sollen bei diversen Problemen, wie Beziehungsproblemen oder Konflikten in der Haft unterstützend wirken. Denn gerade im Gefängnis gilt wohl die alte Redensart "Geteiltes Leid, ist halbes Leid."