Die Bilder gehen unter die Haut. Der Film, der 1924 nach einer Romanvorlage des österreichischen Schriftstellers Hugo Bettauer (1872-1925) entstanden ist, zeigt den wachsenden Antisemitismus und die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung.

"Es geht um Wien in den Inflationsjahren, um die rasende Geldentwertung und um die Unsicherheit in der Bevölkerung. In den Wirtshäusern, in den Stammtischen und in der Politik hat man schnell einen Schuldigen identifiziert: Die Juden, die es gelte, aus der Stadt Wien zu vertreiben", erklärt Filmarchiv-Direktor Kieninger den Inhalt des Filmes, den Kieninger als "bedrückende negative Utopie einer Vision", "als eine apokalyptische Zeitzeichnung über eine staatlich organisierte Judenvertreibung" bezeichnet, "die nur von der Geschichte auf grausame Art und Weise überholt werden sollte".

An den Original-Schauplätzen wurde damals nicht gedreht. "Man hielt das möglicherweise in dieser aufladenden Atmosphäre zu gefährlich und errichtete viele Filmkulissen. Man stellt auch die jüdische Synagoge nach, um die Dreharbeiten reibungslos abwickeln zu können", erzählt Kieninger.

Der Roman, der 1922 in der ersten Auflage mit über 70.000 Stück verkauft und in den Jahren 1988, 1996 und 2013 nachgedruckt wurde, hat die damalige Wiener Bevölkerung sehr emotionalisiert. Die Leute, aber auch die illegalen Nationalsozialisten, stürmten die Kinos. "In Wien und Wiener Neustadt versuchte man mit Stink- und Rauchbomben die Vorstellungen zu boykottieren. Die gesamte Aufregung konzentrierte sich auf den Autor Hugo Bettauer, der damals antisemitischen Pressekampagnen ausgesetzt wurde", sagt Kieninger. Im März 1925 wurde Bettauer von einem fanatischen Antisemiten in seinem Büro erschossen.

Erst Mitgefühl,
dann Ablehnung


"Der Film hat an Brisanz nicht verloren", erklärt ebenso Frank Stern, Professor am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien. "Während des Ersten Weltkriegs waren tausende jüdischen Familien vor den russischen Truppen in die westlichen Teile der Monarchie Österreichs geflohen. Am Anfang gab es großes Mitgefühl, es gab Hilfe. Doch je mehr Menschen aus dem Osten kamen, je mehr sie nicht ganz von der Kleidung her dem entsprachen, was Wien und Österreich gewohnt waren, umso mehr sackte die anfängliche Unterstützung und Hilfe ab und es begann eine Ablehnung", sagt Stern.

Der Schluss des Filmes, der aufgrund des in Paris entdeckten Filmmaterials nun wieder in Original zu sehen sein wird und nicht mit Filmstills nacherzählt werden muss, ist besonders ironisch, meint Nikolaus Wostry, der Leiter der Filmarchiv-Sammlung. "Bürgermeister Karl Laberl, ein ganz klarer Hinweis an Karl Lueger, empfängt mit Freude den ersten zurückkehrenden Juden. Ein sehr ironisches Happy End", sagt Wostry, der hofft, dass "Die Stadt ohne Juden" im nächsten Jahr in der abendfüllenden Originalfassung in Wien gezeigt werden kann.