Wien. Es tröpfelt, zuerst ein wenig, dann immer mehr. Philipp Naderer verlässt seine Wohnung und beeilt sich, um den nächsten Bus zu erwischen. Laut der digitalen Fahrgastinfo auf seinem Handy müsste der Bus in zwei Minuten in die Seestädter Station Hannah-Arendt-Platz einfahren. In der einen Hand hält Naderer einen aufgespannten Regenschirm, mit der zweiten schiebt er den Kinderwagen, in dem sich seine Tochter befindet. Sein Timing passt. Kurz nachdem er die Haltestelle erreicht, fährt der Bus der Linie 84A ein. Als er mit dem Kinderwagen einsteigen will, schüttelt der Fahrer jedoch seinen Kopf und schließt vor ihm die Tür. Der Bus ist mit drei Kinderwägen bereits voll.

Nun ist das eingetroffen, was Naderer unbedingt vermeiden wollte. Es regnet wie aus Kübeln und er steht im Freien, ohne ein Dach über dem Kopf. Ein Wartehäuschen, in dem er auf den nächsten Bus warten könnte, gibt es nicht. Und der nächste Bus kommt erst in einer Viertelstunde. Es ist das einzige öffentliche Verkehrsmittel in seiner Nähe, das einzige, das ihn zur U-Bahn bringt, mit der er in die Innenstadt fahren wollte. Der Fußweg zur U-Bahn würde ebenso eine Viertelstunde dauern.

So wie Philipp Naderer erging es schon vielen Seestadtbewohner, die mit Kinderwagen im Regen standen, weil der Bus bereits überfüllt war und es keine Möglichkeit zum Unterstellen gab. Die Geschichte wirft eine Frage auf, die sich viele Seestädter schon öfters gestellt haben: Wie ist es möglich, dass es die Stadt Wien zwar schafft, die U-Bahn in ein noch unfertiges Stadtentwicklungsgebiet zu bauen, aber dann an der Errichtung eines simplen Buswartehäuschens scheitert?

Nur jede zweite U-Bahn fährt in die Seestadt

Kurze Wege ohne Auto wurde den neuen Bewohnern ursprünglich versprochen. - © Foricia
Kurze Wege ohne Auto wurde den neuen Bewohnern ursprünglich versprochen. - © Foricia

Vor zwei Jahren wurde die Seestadt besiedelt. Philipp Naderer ist einer von etwa 6000 Menschen, die hierher gezogen sind. Viele sind, wie der 30-jährige Fotograf und seine Frau, Eltern geworden. Sie gehören zu jenen zahlreichen Jungfamilien, die von den Versprechungen der Stadt angelockt wurden. Darunter die Baugruppen, in denen man sein eigenes Heim mitgestaltet, die urbane, intelligente Infrastruktur der kurzen Wege, wo man auch ohne Auto bequem unterwegs ist, und der U-Bahnanschluss, mit dem man in einer halben Stunde in die Stadt kommt.

"In rund 30 Minuten erreicht man künftig den Hauptbahnhof Bratislava, in 15 Minuten den Hauptbahnhof und Flughafen Wiens. Gleichzeitig lässt die U-Bahnlinie U2 die Wiener Innenstadt bis auf 25 Minuten an die Seestadt heranrücken", steht dazu noch immer auf der Homepage der Stadt Wien.

Vonseiten der Stadt wurden sogar heilige Kühe geschlachtet, um den künftigen Bewohnern zu beweisen, dass die Versprechungen am Ende nicht nur heiße Luft sein würden. Sogar die ansonsten unverrückbare Doktrin der Wiener Linien, "Zuerst Fahrgäste, dann Öffi", musste daran glauben. Mehr als ein Jahr, bevor die ersten Bewohner einzogen, fuhr die U2 bereits in die unbewohnte Seestadt. Finanzstadträtin Renate Brauner (SPÖ) verkündete bei der Eröffnungsfeier der U-Bahnlinie: "Wir haben früher den Fehler gemacht, zuerst die Wohnungen und dann die Infrastruktur zu bauen. Daraus haben wir aber gelernt und dafür gesorgt, dass dieses Mal die U-Bahn als Erstes in der neuen Gegend entsteht."

Drei Jahre später sind die Wiener Linien jedoch zu ihrer Doktrin zurückgekehrt. "Die Intervalle sind abhängig von der Auslastung", heißt es nun wieder. Und Wiener Linien Sprecher Michael Unger erklärt: "Derzeit sind es zu wenige Fahrgäste, um sie öfters fahren zu lassen."

Das Ergebnis ist für Seestädter, die auf ein Auto verzichten, ernüchternd. Nur jede zweite U-Bahn wird in die Seestadt geführt, die Straßenbahnlinien 25 und 26 enden etwa zwei Kilometer davor und der Bus, der das Siedlungsgebiet mit der U-Bahn verbindet, fährt in Spitzenzeiten alle sieben bis acht Minuten, die meiste Zeit aber nur alle 15 Minuten. Bei Regenwetter ist er zudem oftmals überfüllt.

"Zur Stadtplanung kann ich Ihnen wenig sagen"

Kritik wegen der schlechten Anbindung an die U-Bahn kann Unger aber nicht nachvollziehen. "Dass ich einen Weg zur U-Bahn habe, das ist halt einmal so", erläutert der Wiener Linien Sprecher. An die Bewohner gerichtet, sagt er: "Wenn ich wohin ziehe, dann schaue ich mir doch an, wie weit das weg ist."

Ob die derzeitige Öffi-Anbindung einer Smart-City entspreche? "Zur Stadtplanung kann ich Ihnen wenig sagen." Geplant ist jedoch, dass die Straßenbahnlinie 25 in die Seestadt verlängert werden soll. Wann es so weit sein wird, sei aber noch offen. Es werde derzeit verhandelt.

Für die Wartehäuschen sind neben den Wiener Linien auch die Werbefirma Gewista zuständig. Ob ein Wartehäuschen gebaut werde, hänge aber davon ab, welche Standorte die Wiener Linien vorschlagen, erklärt Gewista-Sprecher Christian Brandt-Di Maio. Bei den Wiener Linien heißt es: "Es gibt viele Komponenten, die dafür entscheidend sind, ob ein Wartehäuschen errichtet werden kann. Ein Grund ist natürlich wieviele Fahrgäste darauf angewiesen sind."

Zahlreiche Beschwerden von Seestädtern und mehrere Medienberichte haben an diesem Grundsatz vorerst nichts geändert. Als Naderer zuletzt über Twitter seinem Ärger freien Lauf ließ, wagte sich nun erstmals ein Politiker aus der Deckung. "Das Problem des fehlenden Wartehäuschens ist echt absurd und unverständlich. Werde versuchen, ob etwas geht (ist leider nicht unser Ressort)", postete Christoph Chorherr, Gemeinderat und Planungssprecher der Grünen. Ob er sich für die Seestädter einsetzen wird, bleibt abzuwarten.

Laut Gewista wird es aber auch in diesem Winter in der Seestadt kein Wartehäuschen geben. "Nach dem aktuellen Stand der behördlichen Bewilligungsverfahren ist damit zu rechnen, dass im Frühjahr 2017 die ersten Wartehäuschen in der Seestadt Aspern errichtet werden", sagt Brandt-Di Maio. Zweieinhalb Jahre nach dem Einzug der ersten Bewohner.

Philipp Naderer ist mittlerweile klitschnass. Er kehrt in seine Wohnung zurück, um dort zu warten, bis es zu regnen aufgehört hat. An diesem Tag wird er es mit seiner Tochter aber wohl nicht mehr aus der Seestadt hinausschaffen.