Die einzige Moschee mit Minarett in Wien: das Islamische Zentrum am Hubertusdamm. - © Luiza Puiu
Die einzige Moschee mit Minarett in Wien: das Islamische Zentrum am Hubertusdamm. - © Luiza Puiu

Wien. Vor 37 Jahren wurde die älteste Moschee Österreichs in Wien feierlich eröffnet. Genauer gesagt am 20. November 1979. Die Geschichte der Muslime in Wien ist jedoch viel länger. 32 Meter ragt sein Minarett in die Höhe: Das Islamische Zentrum am Hubertusdamm in Wien-Floridsdorf ist die älteste und einzige Moschee mit einem Minarett in Wien. Sie ist gleichzeitig das größte und wichtigste Gotteshaus der rund 216.000 Wiener Muslime. Die Eröffnung war seinerzeit durchaus prominent besetzt: Der Bundespräsident Rudolf Kirchschläger war ebenso anwesend wie der Bundeskanzler Bruno Kreisky.

Initiative und Auftrag zum Bau dieser Moschee kamen aus Saudi-Arabien. Die Idee an sich war nicht neu: Bereits 1909 existierten in Wien während des Mandats von Bürgermeister Karl Lueger die ersten Pläne, eine Moschee zu errichten. Hinter diesen Plänen stand das politische Interesse, Österreich enger ans Osmanische Reich zu binden. Bürgermeister Lueger plante sogar, einen Architekturwettbewerb für den Bau einer Moschee auszuschreiben. Die geplante Moschee hätte laut Plänen im Türkenschanzplatz stehen und mit "einer weißen Kuppel und einem schlanken Minarett weithin sichtbar" sein sollen. Sogar Kaiser Franz Joseph blickte wohlwollend auf das Projekt. Wegen des Kriegsausbruchs im Jahr 1914 kam es jedoch nie zur Verwirklichung.

Türkenbelagerung prägend


Ein weiterer Anlauf, eine Moschee in Wien zu bauen, wurde während des Ersten Weltkriegs in Angriff genommen. Der Industrielle und Abgeordnete Theodor von Liebig argumentierte für den Bau einer Moschee als Anerkennung für die bosnischen Regimenter in der k.u.k. Armee. Auch dieses Projekt wurde dem Kaiser - diesmal Karl - vorgelegt und von ihm sogar finanziell unterstützt, konnte aber wegen finanzieller Nöte nicht realisiert werden.

Die Verbindungen Wiens und Österreichs mit den Muslimen und dem Islam fingen nicht erst mit bosnischen Soldaten und gescheiterten Moschee-Bauplänen an. "Die gemeinsame Geschichte Österreichs mit den Muslimen begann schon ein paar hundert Jahre nach dem Tod des Propheten Mohammed", erklärt Gernot Galib Stanfel, einer der Herausgeber des Buchs "Ostarrichislam" und Professor am Institut für islamische religionspädagogische Aus-, Fort- und Weiterbildung (Irpa) der kirchlichen pädagogischen Hochschule Wien/Krems.

Die muslimische Präsenz in Wien wird vorwiegend mit beiden Türkenbelagerungen aus den Jahren 1529 und 1683 in Verbindung gebracht. "Diese Belagerungen hatten eigentlich recht wenig mit ‚Türken‘ zu tun, denn in der osmanischen Armee kämpften Soldaten aus dem gesamten Osmanischen Reich, von der arabischen Halbinsel bis zum Balkan", sagt Stanfel und erzählt eine interessante Geschichte aus der Zeit der Zweiten Belagerung 1683: "Als die Osmanen bei der Zweiten Belagerung die Stadt anfänglich zur Kapitulation aufforderten, schickte man einen bosnischen Soldaten mit dem entsprechenden Schreiben zur Stadtmauer. Dieses Schreiben wurde dort von einem kroatischen Soldaten im Dienst des Kaisers entgegengenommen, man beschimpfte sich in der gemeinsamen Sprache, und jeder kehrte in sein Lager zurück."

Gedenkort fehlt


Die Türkenbelagerungen und die Erinnerungen daran werden in Österreich bis heute politisch und propagandistisch ausgenutzt, etwa in Hinblick auf die Beziehungen zur aktuellen Integration von türkischen Einwanderern und Muslimen in Österreich oder zur Türkei als Staat. "Die Geschichte der Türkenbelagerungen wurde seit jeher penibel im Bewusstsein der Österreicher und da besonders der Ostösterreicher am Leben gehalten, weil sie sich so gut für alle möglichen politischen Propaganden und Inszenierungen eignet", sagt Stanfel, während seine Kollegin und Irpa-Leiterin Amena Shakir auf die aktuelle politische Brisanz dieser Gedenkfeiern hinweist: "Sicherlich belastet eine unreflektierte Instrumentalisierung der sogenannten Türkenkriege die aktuelle Tagespolitik, weil sie keine Kontextualisierung historischer Ereignisse zulässt und damit genau das Gegenteil von dem bewirkt, das sie vorgibt, erreichen zu wollen."

Shakir unterstreicht gleichzeitig, dass Muslime in Wien und Österreich in keinerlei Beziehung zu Ereignissen stehen sollten, die mehrere Jahrhunderte zurückliegen. Obwohl alleine in Wien mehrere Dutzend Denkmäler an die zwei osmanischen Belagerungen erinnern, hat es die österreichische Bundeshauptstadt laut Stanfel bis heute nicht geschafft, einen zentralen Gedenkort für alle Opfer der Belagerungen zu errichten: "Ich plädiere dafür, endlich nach über 350 Jahren einen würdigen Gedenkort für diese Türkenbelagerungen in Wien, z.B. am Kahlenberg, zu errichten, an dem man diesen Ereignissen umfassend und von allen damalig beteiligten Nationen gedenken kann", sagt dieser Islamgelehrte und führt dabei ein Beispiel aus dem burgenländischen Mogersdorf an, in dem ein Denkmal mit Inschriften in Sprachen aller beteiligten Völker an die habsburgisch-osmanische Schlacht bei St. Gotthard von 1664 erinnert.