Die Wiener Gasometer 1901 . . .
Die Wiener Gasometer 1901 . . .

Wien. Die Mauern der Gasometertürme, die in einer Zeit errichtet wurden, als Industriearchitektur noch schön sein sollte, haben schon viel erlebt. Fast 80 Jahre lang umhüllten sie die Stahlbehälter, in denen das Stadtgas gelagert wurde. In den 1980er Jahren dienten sie nach der Umstellung von Stadtgas auf Erdgas als Kulisse und Drehort für Filme wie "James Bond 007 -Der Hauch des Todes" oder "Tempo", einem der ersten Filme von Stefan Ruzowitzky. Auch Ausstellungen wurden in dem ehemaligen Gaswerk gezeigt. Ab 1992 siedelte sich die Rave-Szene im Gasometer an und feierte in den 90 Meter breiten und 70 Meter hohen Türmen legendäre Partys, die wegen ihrer fulminanten Akustik internationale Bekanntheit erlangten.

Wer heute die Gasometer-Türme durch den Haupteingang direkt gegenüber der U3-Station "Gasometer" betritt, findet sich in einer Shopping-Mall wieder, die nur haarscharf am Niedergang vorbeigeschrammt ist. "2001 wurde das Einkaufszentrum eröffnet", sagt der heutige Geschäftsführer der Gasometer Music City, Hubert Greier, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Umsätze seien aber nie richtig in Schwung gekommen. 2005 wurden die Leerstände immer größer. Kleider-Ketten wie H&M, Orsay oder Pimkie, die eigentlich Besucherinnen und Besucher anlocken sollten, suchten das Weite. "Um 2008 herum waren schon 60 Prozent der Geschäftsflächen leer. Das war ein kritischer Zustand", erzählt Greier.

. . . und 2016. - © Bwag/Commons
. . . und 2016. - © Bwag/Commons

Zur Fußball-EM 2008 musste das Public-Viewing in der Bank-Austria-Halle im Gasometer wegen zu geringer Besucherzahlen abgesagt werden. Während die Veranstalter Heurigenbänke für 2400 Fans aufgestellt hatten, verirrten sich meist deutlich weniger als hundert Fußballbegeisterte in die große Halle.

"Es war deprimierend", sagt Andreas Pöschek, Obmann des Bewohnervereins des Gasometers. Das Medienecho sei sehr schlecht gewesen, es seien weniger und weniger Menschen gekommen und man habe auch von Vorfällen mit Jugendbanden gehört. "Das mag man natürlich nicht als Bewohner", sagt Pöschek. Pöschek war von Anfang an dabei und bewohnt seit 2001 eine Wohnung im Gasometer C, dessen Konzept der Architekt Manfred Wehdorn entwickelt hat. Die Wohnungen im dritten Turm sind in Ringform entlang der Außenmauer angeordnet. Die Fassade ist weiß und in traditioneller Wiener Bauweise gehalten. 92 Wohnungen reihen sich ab einer Höhe von 32 Metern rund um eine Glaskuppel, die einen Blick auf die Mall gewährt und von einem vier Meter breiten, mit Bäumen bepflanzten Grünstreifen umgeben ist.

Mall im Gasometer. - © U. Röck
Mall im Gasometer. - © U. Röck

Wohnungen von Anfang an beliebt

"Beim Einzug 2001 war das Durchschnittsalter der Bewohner 35. Bei einer Erhebung 2011 war es 43 Jahre", sagt Pöschek. Das zeige, dass es bei den Wohnungen kaum eine Fluktuation gebe. Nur die neugeborenen Kinder hätten den Altersschnitt etwas gedrückt. Der Informatiker hat bereits vor der Fertigstellung der Wohnungen eine Gasometer-Community-Seite im Internet erstellt, um die Bewohnerinnen und Bewohner zu vernetzen. Die Seite wird noch heute genutzt, um Neuigkeiten auszutauschen oder Events wie Bewohner-Fußballspiele zu organisieren. "Der Bewohnerbereich ist gut aufgegangen. Die Wohnungen waren alle schnell weg", sagt Pöschek. "In zehn Minuten ist man zu Fuß im grünen Prater. Das gefällt vielen." Im Gegensatz zur Mall habe es bei den Wohnungen kaum Leerstand gegeben.

Dass man die unteren Bereiche der denkmalgeschützten Türme nicht einfach mit 08/15-Shops, wie es sie nur wenige U-Bahn-Stationen entfernt im ZS Simmering, in der Landstraße, am Westbahnhof oder der Mariahilfer Straße gibt, beleben kann, haben die Betreiber 2008 eingesehen. "Man hat sich schließlich zu einer Strategieänderung entschlossen und die Music-City entwickelt", sagt Greier. Zuerst wurde die Klangfarbe, das größte Musikfachgeschäft Österreichs, ins Gasometer geholt. In den vergangenen Jahren sind die Popakademie, ein Jazzkonservatorium und Tanz- und Musicalstudios in die Türme eingezogen. "Bei uns können sich die Leute von null weg ausbilden lassen. Von der Grundausbildung bis hin zur Diplomausbildung bieten wir alles an", sagt Greier. Auch die seit 2001 bestehende Bank-Austria-Konzerthalle, die in ihrer Größe zwischen der Stadthalle und zahlreichen kleineren Konzertlocations Wiens liegt, passte gut zu dem neu geschaffenen Musikkonzept.

Nur noch Nahversorger und Nieschenanbieter

Bei den Geschäften setzte man nicht länger auf große Ketten, die es an vielen Standorten gibt, sondern spezialisierte sich auf Nahversorger und Nischenanbieter, die Stammpublikum anziehen. Aus den roten Zahlen ist die Mall mittlerweile draußen. "Allein bei den Shops erwarten wir heuer ein Umsatzplus von acht Prozent", sagt Greier. "2010 haben die Shops 25,4 Millionen Euro Umsatz gemacht, 2015 waren es 32,6 Millionen Euro, mit der Music-City sind es 35,3 Millionen Euro." Das sei eine wunderschöne Entwicklung.

13.000 Menschen gehen nun täglich durch den Haupteingang der Gasometer-City. Neben der Strategieänderung der Shopping-City hat sich auch die Umfeldentwicklung rund um die Gasometer positiv auf die Mall ausgewirkt. In den vergangenen Jahren sind rund um die Türme zahlreiche Wohnungen entstanden. Zudem hat sich die Wiener Wohnen Zentrale mit 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern direkt gegenüber der Gasometer angesiedelt.