Der Dachterrassengesellschafter

Abendkleid und Kummerbund finden sich im Lift ein. Die maßgeschneiderten italienischen Herrenschnürer treffen ihr Pendant im Absatz gegenüber. Nonchalant findet ein Finger den Weg zum "D". Der Lift setzt sich in Bewegung. Das letzte Mal an diesem Abend muss auf beengten Raum Konversation geführt werden. Am Ende des Weges wartet eine Eingangstür. Das Tor zum Exklusivzugang. Hier feiert die illustre Gesellschaft den Jahresausklang. Gleiches unter Gleichem über den Dächern von Wien. Wobei hier gilt: Das Ausmaß der Überlegenheit steigt mit der Nähe der Dachterrasse zur Pummerin. Der Jahreswechsel wird dabei schrittweise eingeläutet.

Ein Aperitif im Stehen, ein Amuse Gueule als Gaumenschmeichler, gefolgt von einem kleinen Partygag: eine goldene Gans. Der Erfindung des goldenen Esslacks ist es zu verdanken, dass innere Werte nun auch käuflich zu erwerben sind. Die Dramaturgie des Abends wird von der Speisenabfolge vorgegeben. Das Gewöhnliche hat dabei strikt vor der Tür zu bleiben, beziehungsweise auf den Straßen. Pro Gang ein Wein. Die Speisen müssen dabei raffiniert genug sein, um mindestens einer Anekdote aus dem vergangenem Jahr Platz zu bieten, und klein genug, um dem Kummerbund nicht Sorge zu bereiten und das Kleid nicht zu verbeulen. Unterbrechungen vom tönenden Volk mit ihren Krachern und Sternenwerfern ist hierbei mit einer Dolby-Surround-Anlage entgegenzuwirken. Geknallt werden ausschließlich Korken. Die Gesellschaft hat zu jeden Zeitpunkt geschlossen zu bleiben, wobei die Anzahl der Leute den Plätzen am Esszimmertisch entspricht. Pärchen ist hierbei der Vorzug zu geben, andernfalls müssten sich die Paare aus Zeichen der Nächstenliebe abwechselnd trennen, um dem einsamen Single einen Paartanz in Form eines Walzers zu ermöglichen. Die Perfektion des Abends hätte somit einen einsam wippenden Außenstehenden zu ertragen. Wenn Singles, dann nur im Doppelpack. Den möglichen Einsamkeitsschüben beim Mitternachtskuss kann so entsprechend entgegengewirkt werden, ohne den innigen Paarmoment der anderen zu stören.

Neben der abgestimmten Menüfolge und der Paarung der Eingeladenen wird die Gästeliste auch maßgeblich durch einen gemeinsamen Pool an Gesprächsthemen beeinflusst. Während der Champagner von selbst läuft, ist bei der Konversation ein gewisses Geschick für Konstellationen verlangt. Voraussetzung hierfür ist eine Schnittmenge aus sportlichem Interesse, beruflichen Visionen und politischen Ansichten. Gerade die beendete Präsidentschaftswahl erlegt dem Gastgeber die Verantwortung auf, bereits im Vorhinein zu recherchieren, ob sich unter den Gästen Gutmenschen in Form von radikalen Polohemd-Spendern oder EU-Austrittsbefürworter befinden. Es droht sonst das Konzept des gesitteten Jahreswechsels am Opfertisch der Grundsatzdiskussionen geschlachtet zu werden. Erstrebenswert sind somit gemäßigte Charaktere, die ihre Contenance erst beim Thema der möglichen Einführung des Parkpickerls im 19. Bezirk verlieren. Bei vorausschauender Planung stellt der eigentliche Jahreswechsel am Dach den Höhepunkt der Dekadenz dar. Während Delikatessen und alkoholische Hochkultur auch von jedem x-beliebigen Mezzanin-Bewohner bewerkstelligt werden können, ist die Dachterrasse einzig und allein einem Stockwerk vorenthalten. Erst wenn die Pummerin tönt, die Dolby-Surround-Anlage den Dounauwalzer donnert und das Feuerwerk ohne Halsverrenkungen bestaunt werden kann, stellt sich das Gefühl von wahrer Erhabenheit ein.

Der Silvesterpfadfinder

Die Taktik ist schlicht. Bereits am 30. Dezember findet die Mount-Everest-Kampfausrüstung ihren Weg auf die Heizkörper. Währenddessen werden in der Stadt Lammfell-Thermoeinlagen gepaart mit Hand- und Fußwärmern gekauft. Am Silvesterstag wird die Thermounterwäsche Schicht um Schicht mit Kleidung bedeckt, um sich dann zielsicher Richtung U-Bahn zu rollen. Beim Einsteigen in die U-Bahn beginnt die erste meditative Phase: Durch die Hitze hindurch atmen. Ziel der Reise ist der Silvesterpfad. Pilgerstätte für Liebhaber von Touristen, Bundesländer-Flüchtlingen und alteingesessenen Gruppen, deren Silvester erst lebenswert wird, wenn sie sich an der gleichen Hütte, am gleichen Platz, jedes Jahr gesittet ihre Stamperl gönnen. Der Silvesterpfad-Bestreiter weiß dabei: 600.000 Besucher geben ihm jährlich recht, dass er Teil der fettesten Party Europas ist. Mitten drinnen in der Silvestereuphorie statt daran vorbei gelebt. Er teilt dabei gerne sein Glück mit diversen Städtehopsern, die ihre Silvesterbegeisterung jährlich in einer anderen Stadt unter das Volk bringen. Die Zutaten sind dabei einfach: Feuerwerk, Alkohol, Menschen - Massen von Menschen. Mitten in der Herde der Silvesterjünger predigt es sich am besten.

Hier kann sich der Silvestergeher sicher sein, nichts zu verpassen. Schließlich kann man sich getrost bei der nächsten "Zeit im Bild" brüsten, dass man dort war, wenn im Rückblick die diversen Jahreswechsel in den Metropolen dieser Welt eingeblendet werden. In einer Reihe mit Sydney, New York und London. Alle fiebern dem Jahresumbruch auf den Straßen entgegen. Die Planung dieser Party erfordert wenig vom Einzelnen, solange die Zufuhr an Bankomaten zwischen den Hütten nicht abreißt, ist der Silvesterpfadgeher vor jeder Durststrecke gefeit. Bewaffnet mit Wander-Gefährten hat er die Party somit schon in der Tasche. Das eigentliche Hineinkommen bereitet ihm dabei keine Schwierigkeiten. Kein Warten in der Schlange. Keine Eintrittsgebühren. Keine Gästeliste. Sobald der eigentliche Pfad bestritten wird, heißt es dann dem Instinkt folgen. Alkohol gegen die Kälte. Essen gegen das Umkippen. Das eigentliche Wandern verfolgt einzig das Ziel, sich von Hütte zu Hütte zu hanteln, während einen Live-Bands durch den Abend tragen. Wobei sich hier durchaus Höhenunterschiede ergeben. So können sowohl die Höhen der Klassik als auch die des guten alten Austro-Pops erklommen werden.