Wien. Ein Schiff, das bei Sonnenuntergang auf dem Meer fährt. Wunderbare Natur- und Landschaftsaufnahmen. Es sind schöne Gemälde, welche sich die Mitarbeiter der Tatortgruppe 3 in ihrem Gemeinschaftszimmer aufgehängt haben. Auf dem Tisch steht eine Blumenvase, im Eck ein Plattenspieler. Das Zimmer ist gemütlich, hell und einladend. Kurzum: ein Platz zum Wohlfühlen.

Nur wenige Meter weiter, in Franz Schwentenweins Arbeitszimmer, offenbaren sich andere Bilder, andere Gefühle. Es ist ein vollgeräumter Raum, der dunkler als das Gemeinschaftszimmer ist. An der Wand hängen Fotos eines gefassten und verurteilten Bankräubers. Auf dem Schreibtisch liegen Polizeiakten. Akten über Morde, Villeneinbrüche, Brände. Akten mit Fotos, deren Anblick schwer zu ertragen ist.

"Eine Leiche ist für mich ein Arbeitsobjekt. Die Gefühle muss man wegblenden. Man darf sich nicht denken: Oh mein Gott, das ist ein Mensch. Sonst kann man nicht objektiv arbeiten. Die Gefühle kommen dann nachher. Sie verfolgen einen in den Träumen. Vor allem bei Kindern", sagt Schwentenwein. Seit 2003 ist der 52-Jährige nun schon Mitglied der Tatortgruppe 3 des Wiener Landeskriminalamtes. Vor sieben Jahren wurde er stellvertretender Gruppenführer.

Vier Tatortgruppen

Kommt es in Wien zu einem Großbrand, Brand mit Leichen, Kapitalverbrechen, schweren Raubüberfall oder Terrordelikt, wird eine der vier bestehenden Tatortgruppen zum Einsatzort geschickt. Sie sind unter anderem für die Spurensicherung und Tatortfotografie zuständig. Jeden Tag versieht eine andere Gruppe für 24 Stunden Dienst. Die Tatortgruppe 3 - sie besteht aus fünf Beamten - ist in einer geräumigen Altbauwohnung in der Berggasse untergebracht. Neben dem Gemeinschaftszimmer samt Küche und den Arbeitsräumen gibt es auch ein kleines Badezimmer.

"Das Büro als Arbeits- und Sozialraum ist wichtig für uns. Wir verbringen mehr Zeit mit Kollegen als mit unserem Partner, unserer Familie oder Freunden" sagt Schwentenwein. Wenn man einen Mordfall behandle, arbeite man etwa zwei bis drei Tage fast durchgehend. Selbst bei den kurzen Ruhepausen würde aber gedanklich der aktuelle Fall in Bildern ablaufen.

"Mit der Zeit werden wir halt alle ein bissl komisch", meint der Kriminalbeamte und hält kurz inne. "Es staut sich viel auf. Man sollte daher regelmäßig zum Psychologen gehen", fügt er dann hinzu. Schwentenwein sitzt neben dem Tisch im Gemeinschaftszimmer. Der Kriminalist spricht ruhig, langsam und unaufgeregt. Manchmal hält er seine Brille fest.

"Der Job ist für das Sozialleben nicht förderlich, weil man viele und lange Dienste hat. Man bringt das Familienleben und diesen Job schwer in Einklang. Und auch das sonstige soziale Umfeld. Man hat nicht lange Freunde", berichtet der dreifache Familienvater. So wie fast alle seine Kollegen ist er geschieden. "Das ist der normale Stand bei uns allen."

Seine Arbeit sei aber auch faszinierend, wie in einem Film. "Man muss aufpassen, dass man sich nicht vereinnahmen lässt und nur mehr an den Job denkt." Außerdem wolle man ja auch etwas Gutes tun und den Bösen fangen. "Man will den Opfern Recht zurückgeben. Und auch die Angehörigen wollen wissen, was passiert ist - und warum."

Opfer galt als verlässlich

Dem Opfer Recht zurückgeben. Den Angehörigen Gewissheit. Darum ging es auch im Fall einer 24-jährigen US-Amerikanerin, die im Jänner 2015 ermordet wurde. Die Germanistik-Studentin arbeitete als Au-pair-Mädchen. Sie galt als verlässlich, ordentlich, pünktlich. Als sie eines Tages nicht zum Babysitten erschien, meldete ihr Arbeitgeber ihr Verschwinden am Tag darauf bei der Polizei. Die Beamten fanden die junge Frau tot in ihrer Wohnung liegend auf.

"Wir waren im Journaldienst", erzählt Schwentenwein. "Eigentlich habe ich von dem Mord aber schon vorher aus dem Radio gehört. Was ja an und für sich ungewöhnlich ist. Es hat sich schon ziemlich hingezogen, bis wir verständigt wurden." Die Ersteinschreiter, Uniformierten und Rettungskräfte seien vor der Tatortgruppe am Einsatzort gewesen.

Die Situation in der Wohnung der Studentin sei typisch für einen Tatort gewesen. "Es waren viele Leute dort. Es wurde viel verändert. Das Opfer hatte keine Glühbirnen eingeschraubt gehabt. Die Kollegen, die als Erste den Tatort betraten, haben beim Hausmeister Glühbirnen ausgeborgt und reingeschraubt." Solche Spurenveränderungen sollten eigentlich nicht passieren. Darüber ärgern würde er sich aber nicht mehr: "Außer, wenn jemand verschweigt, dass er in der Wohnung war oder was verändert hat."

Bevor er den Tatort betritt, zieht sich Schwentenwein einen Schutzanzug an. "Wenn ich dann in die Wohnung gehe, lasse ich die Eindrücke auf mich wirken. Man schaut sich die Wohnung an und fragt sich: Was ist das für ein Typ? Wie lebt der?", sagt der Kriminalbeamte. "Es gibt Wohnungen, wo man spürt: Die Wohnung ist tot. Hat kein Leben."

Die Wohnung der Studentin sei gemütlich-sentimental eingerichtet gewesen. "Teilweise auch ein bissl depressiv. Es waren sehr viele Bilder dort. Es war eine teils melancholische, dunkel-düstere Stimmung."